17. August 2019

Überreste des KZ-Nebenlagers Steyr vernichtet

Bereits 1993 zeigte sich Simon Wiesenthal entsetzt, als die damals noch letzte bestehende Baracke des KZ-Nebenlagers Steyr-Münichholz abgerissen wurde. Jetzt ist es mit der Chance auf ein Denkmal endgültig vorbei.

Nun wurden nämlich auch die letzten Reste des Lagers beseitigt: „Bis vor wenigen Tagen war auf dem Privatgrundstück an der Haagerstraße in Münichholz noch der gemauerte Keller der ehemaligen Küchenbaracke zu sehen“, teilte das Mauthausen Komitee Steyr in einer Aussendung mit. „Damit wurden die letzten noch sichtbaren Spuren des Nebenlagers Steyr, in dem von März 1942 bis Mai 1945 zwischen 1.500 und 3.000 KZ-Häftlinge untergebracht waren, zerstört.“

Kein Denkmalschutz

„Gerade in einer Zeit, in der rechtsextreme Parteien und Gruppierungen in ganz Europa einen enormen Zulauf haben, wäre die Erhaltung dieses letzten Restes von großer geschichtlicher und politischer Bedeutung gewesen“, erklärte der Mauthausen-Komitee-Steyr-Vorsitzende Karl Ramsmaier. Im Mauthausen Komitee Steyr gab es Überlegungen, wie man die Relikte erhalten und zugänglich machen könnte. Angesichts der Tatsache, dass das Grundstück in Privatbesitz ist, zeichnete sich aber seit langem keine Lösung ab.

Bereits im März 1993 hatte das Mauthausen Komitee Steyr das Bundesdenkmalamt ersucht, die letzte Baracke des KZ-Nebenlagers Steyr-Münichholz unter Denkmalschutz zu stellen. Die Stadt Steyr sollte den Grund kaufen und darin eine „Zeitgeschichte-Werkstätte“ für junge Menschen einrichten. Daraufhin sei die Baracke vom damaligen Besitzer einfach abgerissen worden, erklärte das Komitee.

Es gab damals Proteste in lokalen und internationalen Medien. Das Internationale Mauthausen Komitee CIM äußerte sich empört über den Abriss „dieses so symbolischen Gebäudes.“ Nach der Zerstörung des Gebäudes hätte das Bundesdenkmalamt die Unterschutzstellung der übrig gebliebenen Reste nicht weiter verfolgt.

Kellermauern abgetragen

1995 wurde das Grundstück an die aktuelle Besitzerin verkauft. Einige Zeit wurde das Gelände dann von einem Autohändler genützt. Ob das Grundstück zukünftig als Parkplatz genützt oder ein neues Gebäude errichtet wird, sei derzeit unklar, teilte das Mauthausen Komitee Steyr mit.

1993 hatte der Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, Simon Wiesenthal, erklärt: „Ich bin schockiert. Ich fühle mich durch solche Vorfälle in meiner vier Jahrzehnte dauernden Arbeit weit zurückgeworfen. Wenn unsere Generation einmal gestorben ist, dann wird man wahrscheinlich alles niederreißen, was an die Nazi-Verbrechen erinnert.“

Bis vor wenigen Tagen war auf dem Privatgrundstück an der Haagerstraße in Münichholz noch der gemauerte Keller der ehemaligen Küchenbaracke zu sehen. Damit ist es nach Aushubarbeiten jetzt vorbei.

“Jeden Tag Leichen weggebracht“

In dem Lager waren von März 1942 bis Mai 1945 jeweils zwischen 1.500 und 3.000 KZ-Häftlinge untergebracht. Zunächst wurden im Jänner 1942 300 republikanische Spanier aus Mauthausen in der Waffenindustrie der Steyr-Werke und zum Aufbau des KZ-Nebenlagers Steyr-Münichholz eingesetzt. Ab 14. März 1942 wurde Steyr offiziell als Außenlager des KZ Mauthausen geführt.

Die Häftlinge wurden in der Produktion von Maschinengewehren, Flugzeugmotoren, Lastkraftwagen und Kugellagern eingesetzt. Sie bauten auch Hallen und Straßen im Werksgelände und Luftschutzbunker für die Zivilbevölkerung der Stadt Steyr. Bei Außenarbeiten kam es immer wieder zu Misshandlungen und Erschießungen.

Der Ukrainer Wladimir Maximowitsch Berimez, selbst Häftling im Lager Steyr, beschrieb 2002 das Lager Steyr so: „Das Lager war mit Stacheldraht in zwei Reihen eingezäunt, und zwischen diesen Reihen befanden sich Windungen mit Stacheldraht. An jeder Ecke des Lagergeländes gab es Wachtürme mit Scheinwerfern für die Wachposten, die mit Maschinengewehren ausgerüstet waren.

Hinter dem Lagergelände befanden sich die Baracken für die Lagerwache. Dort waren auch die Lagerbestände für Lebensmittel und Munition untergebracht. Zum Lager führte eine Zugverbindung, die Eisenbahntrasse führte weiter nach Steyr. Jeden Tag wurden Leichen weggebracht.“

Quelle: science.ORF.at/APA

https://science.orf.at/stories/2989886/

8. August 2019

Denkmalenthüllung – Ein Ort des Gedenkens und der Erinnerung

„Endlich ein Ort wo wir für unseren Großvater beten können“

Nach mehr als 70 Jahren finden Angehörige die Gräber ihrer Vorfahren

2011 konnten fast vergessene Schicksale wieder in Erinnerung gerufen werden. Unter einem Gehweg am Taborfriedhof wurde damals eine Gruft mit ca. 800 Urnen von ehemaligen KZ Häftlingen wieder entdeckt. Nach acht Jahren des Planens, des Diskutierens was mit dem Ort und den Urnen geschehen soll, war es am Freitag den 14. Juni so weit. Unter der persönlichen Teilnahme von Angehörigen der Opfer wurde ein Denkmal an der Stelle der Urnengruft enthüllt.

„Nicht weit von hier muss die Asche des Wiktor Ormicky sein, das fühlen wir.“ spricht Jacek Ormicky bei seiner Rede zur Denkmalenthüllung. Sein Vater starb im KZ Gusen und seine Urne wurde, wie einem Dokument zu entnehmen ist auf den Friedhof Steyr transportiert. Jacek Ormicky war der Stein des Anstoßes, ohne seine Recherchen zur Geschichte seines Vaters wäre die Urnengruft am Taborfriedhof vermutlich noch immer unbekannt. Familie Ormicky wandte sich mit einer E-Mail im Herbst 2010 an Karl Ramsmaier, den Vorsitzenden des Mauthausen Komitee Steyrs und so begann der Prozess, der im März 2011 am Steyrer Urnenfriedhof zum Wiederauffinden der gemauerten Gruft führte.

Auch der Weg der polnischen Familie Hardt nach Steyr ist von Zufall geprägt. Bei einer Führung im KZ Mauthausen wurde die Familie Hardt von einem aufmerksamen Guide darauf hingewiesen, dass die früh im KZ Mauthausen ermordeten Häftlinge im Krematorium in Steyr eingeäschert worden waren. Durch diesen Hinweis konnten sie im Jahr 2018 das erste Mal den Ort besichtigen an dem ihr Großvater begraben liegt. Der Schock war groß, es gab keinen Grabmal, sondern nur drei Steinplatten am Gehweg, provisorisch abgesperrt, ansonsten als Grab nicht erkennbar.

„Wir sind sehr froh, dass wir jetzt endlich einen Ort haben an dem wir für unseren Großvater beten können“ sagt Piotr Hardt, der Nachfahre von Albert Hardt. Albert Hardt war am 1. September 1939, dem Tag des Überfalls der Wehrmacht auf Polen verhaftet worden und starb am 24. April 1940 im KZ Mauthausen. Fünf Tage später wurde die Leiche in Steyr eingeäschert.

„Mach dir keine Sorgen, ich komme eh bald wieder.“

Die fünfköpfige Familie Hardt verbrachte mehrere Tage in Steyr. Ebenso angereist waren Gabriela Kautsch und Karin Hannak aus Baden bei Wien. Eine Internetrecherche hatte sie auf ein Projekt aufmerksam gemacht, welches das Museum Arbeitswelt 2015 mit Jugendlichen aus Deutschland und Österreich zum Urnenfund durchgeführt hatte. Über die Projekthomepage erfuhr Frau Hannak 2017, dass die Leiche ihres Großvaters in Steyr verbrannt worden war und die Asche hier wahrscheinlich begraben liegt.

Nach einem Besuch des lokalen Gedenkort „Stollen der Erinnerung“ tauschten sich Familie Hannak, Kautsch und Hardt im Museum Arbeitswelt aus. Dabei wurden neue Bekanntschaften geschlossen, historische Dokumente gezeigt und vor allem ein Rahmen gegeben, um die Geschichten der Verstorbenen zu erzählen. „Er gab ihm einen Teddybär und sagte: ‚Mach dir keine Sorgen ich komme eh bald wieder’“ erinnert sich Frau Hannak an eine Erzählung ihres Vaters, der diesen Satz als Fünfjähriger von seinem Vater hörte. „Dieser Teddybär steht heute noch auf dem Nachtkästchen meiner Mutter.“ Josef Kautsch wurde bereits 1938 als politischer Gegner der Nationalsozialisten inhaftiert und starb im Alter von 41 Jahren, nur sieben Monate nach seiner Verhaftung. Er gehört zu den ersten Opfern des KZ Mauthausen. Verhaftet wurde Josef Kautsch, weil er öffentlich sagte, dass er und seine Kinder das Hakenkreuz nicht tragen werden, woraufhin er denunziert wurde.

„Es soll durchaus auch ein wenig stören“

„Es ist ein schöner Tag für das Mauthausen Komitee Steyr.“ Mit diesen Worten eröffnet Mag. Karl Ramsmaier, der Vorsitzende des Komitees die Enthüllungsfeier. Trotz Jahren des Auf und Ab und einiger Rückschläge blieb der Verein standhaft und forderte gemeinsam mit Angehörigen unnachgiebig einen würdigen Umgang mit den Urnen. Der Auftrag für die Umsetzung des Denkmals ging an den Architekten Bernhard Denkinger, der bereits den Stollen der Erinnerung in Steyr gestaltete. „Es soll auffallen, es soll sich abheben von den anderen Gräbern, ja durchaus auch ein wenig stören.“ Erklärt Denkinger seine Intentionen bei der Denkmalgestaltung. Auf dem Denkmal sind neben dem Artikel 3 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“. Von den ca. 800 Urnen waren auf 84 noch die Namen lesbar. Ein Name davon lautet Emil Baum: „Wenn ich zurückdenke, wurde in unserer Familie über Emil Baum geschwiegen.“ erinnert sich Daniel Engel. Hochemotional kann Daniel Engel nach jahrelanger Recherche heute neben dem Grab seines Urgroßvaters stehen und seine Geschichte erzählen, damit er nicht vergessen wird. Als sogenannter „Asozialer“ wurde Emil Baum 1939 in das KZ Mauthausen überstellt. Von dort aus schrieb er seiner kleinen Familie immer wieder, wie sehr er sie vermisse und dass er hoffe bald wieder nach Hause zu kommen. Im Jahr 1940 aber verstarb Emil Baum im Alter von nur 36 Jahren im KZ Mauthausen und wurde nach Steyr gebracht, um im Krematorium eingeäschert zu werden. „Die Leichentransporte waren in der Nacht, aber wenn aus dem Krematorium schwarzer Rauch kam, wussten alle was geschieht.“ gibt Karl Ramsmaier, Erzählungen von Zeitzeugen aus Steyr wieder.

„Ich freue mich, dass mein Urgroßvater Emil Baum hier in Steyr eine würdige, letzte Ruhestätte findet“, resümierte Daniel Engel und sprach damit den anderen Familien und auch allen die sich für eine würdige Gestaltung des Grabes eingesetzt haben aus tiefstem Herzen.

7. Juni 2019

URNENGRUFT STEYR

DENKMAL-ENTHÜLLUNG
FREITAG, 14. JUNI 2019, 17 UHR
URNENFRIEDHOF STEYR, TABORWEG

1948 wurden etwa 800 Urnen von KZ-Häftlingen im Urnenfriedhof Steyr in einer gemauerten Urnengruft beigesetzt. Jahrzehnte war die Gruft nicht mehr sichtbar, weil ein Gehweg über die Gruft führte. Damit war auch das Schicksal der H ­ äftlinge vergessen bis 2011 die Gruft wieder entdeckt wurde. Die Erforschung der Namen konnte 2017 abgeschlossen werden. Bei 84 Urnen war es noch möglich die Namen fest­zustellen. Zwei Urnen konnten Angehörigen übergeben werden. Am 14. Juni 2019 wird nun über der Urnengruft ein Denkmal mit den Namen der Opfer enthüllt.

Begrüßung   Mag. Karl Ramsmaier | Mauthausen Komitee Steyr

Grußworte
Wilhelm Hauser | Vizebürgermeister der Stadt Steyr
Vertreter/in des Bundesministeriums für Inneres

Gedenkrede   Mag. Karl Ramsmaier | Mauthausen Komitee Steyr

Zur Gestaltung   Mag. Bernhard Denkinger | Architekt

Worte von Angehörigen
Daniel Engel | Enkel von Emil Baum (1904 – 1940)
Jacek Ormicki | Sohn von Wiktor Ormicki (1898 – 1941)

ENTHÜLLUNG DES DENKMALS
VERLESUNG DES TEXTES
GEDENKMINUTE
KRANZNIEDERLEGUNG

Musik   Saxophonensemble | Musikverein Aschach

   

JEDER MENSCH HAT DAS RECHT AUF LEBEN,
FREIHEIT UND SICHERHEIT DER PERSON.
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte – Artikel 3

UM ANMELDUNG WIRD GEBETEN