29. Oktober 2019

Gedenkfeier zu den Novemberpogromen des Jahres 1938 in Steyr

Das Geschehene soll nicht vergessen, sondern Mahnung sein!

Veranstaltungen zwischen dem Erinnern an die NS-Verbrechen, neuen Begegnungen mit dem Judentum und aktuellen Gefahren nach dem mörderischen Anschlag auf die jüdische Synagoge in Halle in Deutschland.

Von größerer Aktualität könnten diese Veranstaltungen des Mauthausen Komitees Steyr rund um den Jahrestag der Novemberpogrome des Jahres 1938 nicht sein: Nur wenige Tage nach dem Anschlag eines Rechtsradikalen auf eine Synagoge in Halle in Deutschland und zwei Todesopfern findet die jährliche Gedenkfeier am jüdischen Friedhof von Steyr (Donnerstag, 7. November; 17.00 Uhr) mit einer Rede des Schweizer Autors Thomas Mayer statt, der in seinen Werken („Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ und aktuell „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“) Leben und Schicksale des Judentums beleuchtet.

Gerade diese literarischen Werke mit hohem Anspruch stehen am 7. November im Anschluss an die eigentliche Gedenkfeier, die in diesem Jahr zum 30. Mal stattfindet, im Mittelpunkt einer Lesung von Thomas Mayer „Museum Arbeitswelt“ (19.00 Uhr) mit Texten aus seinem gerade zweiten im Diogenes Verlag herausgekommenen „Wolkenbruch-Roman“ und Diskussionsrunde.

Stand im ersten Buch (2012/2014) noch die Selbst-Emanzipation eines jungen Mannes aus orthodoxem jüdischen Elternhaus im Mittelpunkt, ist es nun in seinem zweiten Roman in diesem Umfeld auch die Verbreitung von Hass und Hetze im Internet: ein höchst aktuelles und längst nicht nur im Umfeld von Terrorakten registriertes Phänomen.

Verschüttet und vergessen – jetzt wieder lebendig: Steyrs jüdisches Erbe

Viele Jahrzehnte lang war das Erbe des durch den Nationalsozialismus vernichteten Judentums auch im oberösterreichischen Steyr verschüttet und vergessen. Das lokale Mauthausen Komitee versucht gemeinsam mit engagierten Mitstreitern, diesen Teil der Geschichte rund um das Gedenken an die Pogrome zumindest zu einem Teil wiederzubeleben: durch Kulinarik!

Im „Museum Arbeitswelt“ gibt es nach Lesung und Diskussion die berühmte „Goldene Brühe“, die aus dem Jüdischen stammende Hühnersuppe, flüssiger „Bernstein“, in der Farbe mit einer Prise Safran verstärkt: Die Medizin weiß längst – es ist das „rezeptfreie jüdische Penicillin“ wegen seiner angeblich keimabtötenden Wirkung. Die Knödel aus Matzenmehl waren eine Spezialität für das Pessachfest (Ostern). Und dann gibt es noch Apfelkuchen als jüdisches Standardgebäck.

Auf ins „kleine Schwarze“!

Einen gemütlichen und sagenhaft süßen Rahmen stellt das Kaffeehaus „Das kleine Schwarze“ in Steyr am Grünmarkt her: Donnerstag, 7. November und am Freitag, 8. November, gibt es dort den bekannt köstlichen Kaffee – und traumhafte jüdische Süßigkeiten.

Für den Abschluss – immerhin beginnt ja Freitagnachmittag der jüdische Schabbat – findet im „kleinen Schwarzen“ am 8. November (16.00 Uhr) mit allen Anwesenden der Start ins Wochenende statt. Mit L’Chaim wird angestoßen.

Damit nicht genug: Mag.a Julia Wagner vom Mauthausen Komitee Steyr wird dabei erklären, welche Bedeutung der Schabbat hat, und wo er sich – zum Teil versteckt – auch in nicht-jüdische Alltagskultur eingeschlichen hat. Was hat der Schabbat zum Beispiel mit einem Sabbatical zu tun?

Als Draufgabe gibt es zu Kaffee und Süßigkeiten auch Aufklärung darüber, warum der US-Trompeter- und Jazzlegende Louis Armstrong Jiddisch gesprochen hat, welches musikalische Schwergewicht sich hinter dem Namen Robert Zimmermann verbirgt und was das alles mit Stars wie David Guetta und Amy Winehouse zu tun hat.

Gedenkfeier und Rahmeprogramm im Überblick:

  • Do 07.11.19 Gedenkfeier Jüdischer Friedhof
    Ort: Taborweg 6, 4400 Steyr
    17:00 Uhr
  • Do 07.11.19 Lesung und Diskussion Thomas Meyer „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“
    Ort: Museum Arbeitswelt Steyr
    19:00 Uhr
  • Fr 08.11.19 Süßes & Bitteres- auf ins jüdische Wochenende im „Kleinen Schwarzen“
    Ort: Das kleine Schwarze – Grünmarkt 4, 4400 Steyr
    16:00 Uhr
20. September 2019

TAG DES DENKMALS – Sonntag, 29.September 2019

Jüdischer Friedhof geöffnet

Kopfbedeckung für männliche Besucher 

Am „Tag des Denkmals“, Sonntag, 29.September 2019, kann der ansonsten versperrte Jüdische Friedhof in Steyr von 14.00 bis 16.00 besichtigt werden. Der Eingang liegt am Taborweg, zwischen Schnallentor und Taborrestaurant. Führungen werden um 14.15 Uhr und um 15.15 Uhr angeboten.

Das „Haus der Gräber“ – auf Hebräisch „Beth Hachivot“ – weist 141 Gräber auf, davon 66 Frauengräber, viele auch mit hebräischen Inschriften. Der Jüdische Friedhof in Steyr wurde am 4.Mai 1874 durch den Linzer Rabbiner Dr. Abraham Salomon Frank feierlich eingeweiht,  nachdem Mitte des 19. Jahrhunderts jüdische Familien aus Böhmen und Mähren nach Steyr zogen. 1945 sollte der Friedhof zerstört werden, aber das Kriegsende vereitelte diesen Plan. Das letzte jüdische Begräbnis fand 1992 statt.

Zu sehen ist auch das 2008 errichtete Holocaust-Denkmal mit 86 Namen der Steyrer Opfer, eine Marmorplatte mit den Spendern der ehemaligen Synagoge, ein Denkmal für die Opfer des Todesmarsches der ungarischen Juden und eine 2012 errichte Gedenkplatte mit 15 Namen von Opfern dieses Todesmarsches. Josef Sommer, Autor eines Buches über den Philosophen Friedrich Nietzsche, wurde 1942 ermordet und ist auf der Namenstafel des Holocaust-Denkmals  zu finden.

Seit fast 30 Jahren kümmert sich das Mauthausen Komitee Steyr um den Friedhof und konnte ihn so vor dem Verfall retten. 2013 bekam das Komitee dafür den „Steyrer Panther“ – ein Preis für Verdienste um den Denkmalschutz – verliehen. Im Sommer 2019 wurden wieder 4 Grabsteine restauriert. 1938 wurde die jüdische Kultusgemeinde Steyr von den Nationalsozialisten ausgelöscht, die Grabsteine des Friedhofes erzählen aber weiter über das jüdische Leben in Steyr. 

Die männlichen Besucher werden gebeten, dem jüdischen Brauch entsprechend, eine Kopfbedeckung zu tragen.

„Stollen der Erinnerung“ geöffnet

Der „Stollen der Erinnerung“ in Steyr kann am Tag des Denkmals, Sonntag, 29.September 2019, von 14.00 bis 17.00 besichtigt werden. Den Besuchern wird empfohlen warme Kleidung zu tragen. Die Temperatur im Stollen beträgt nur 8° bis 12° Grad. Der Eingang befindet sich bei Zwischenbrücken. Empfohlen wird der Besuch ab 14 Jahren.

Ein 140 Meter langer Stollen unter dem Schloss Lamberg, der von KZ-Häftlingen gebaut wurde, ist Schauplatz der Ausstellung. Der Weg beginnt mit den Krisen der 1930er Jahre, dem ‚Anschluss‘ 1938 und dem Ausbau der Steyr-Werke zu einem führenden Rüstungskonzern. Das Schicksal der Zwangsarbeiter/innen und KZ-Häftlinge in Steyr wird anhand von Fotos, Dokumenten, Zeichnungen, Originalgegenständen und persönlichen Berichten anschaulich vermittelt. Die Befreiung 1945, der Umgang mit den Tätern, das jahrzehntelange Schweigen nach dem Krieg und der Widerstand sind weitere Themen.  Der Eintritt ist an diesem Tag frei. Freiwillige Spenden sind erbeten. 

Am Samstag, 28.September 2019 wird um 15.00 Uhr eine Führung durch den „Stollen der Erinnerung“ angeboten. Treffpunkt: Museum Arbeitswelt Steyr – Eingang; 

Kosten: € 9.-/Person

17. August 2019

Überreste des KZ-Nebenlagers Steyr vernichtet

Bereits 1993 zeigte sich Simon Wiesenthal entsetzt, als die damals noch letzte bestehende Baracke des KZ-Nebenlagers Steyr-Münichholz abgerissen wurde. Jetzt ist es mit der Chance auf ein Denkmal endgültig vorbei.

Nun wurden nämlich auch die letzten Reste des Lagers beseitigt: „Bis vor wenigen Tagen war auf dem Privatgrundstück an der Haagerstraße in Münichholz noch der gemauerte Keller der ehemaligen Küchenbaracke zu sehen“, teilte das Mauthausen Komitee Steyr in einer Aussendung mit. „Damit wurden die letzten noch sichtbaren Spuren des Nebenlagers Steyr, in dem von März 1942 bis Mai 1945 zwischen 1.500 und 3.000 KZ-Häftlinge untergebracht waren, zerstört.“

Kein Denkmalschutz

„Gerade in einer Zeit, in der rechtsextreme Parteien und Gruppierungen in ganz Europa einen enormen Zulauf haben, wäre die Erhaltung dieses letzten Restes von großer geschichtlicher und politischer Bedeutung gewesen“, erklärte der Mauthausen-Komitee-Steyr-Vorsitzende Karl Ramsmaier. Im Mauthausen Komitee Steyr gab es Überlegungen, wie man die Relikte erhalten und zugänglich machen könnte. Angesichts der Tatsache, dass das Grundstück in Privatbesitz ist, zeichnete sich aber seit langem keine Lösung ab.

Bereits im März 1993 hatte das Mauthausen Komitee Steyr das Bundesdenkmalamt ersucht, die letzte Baracke des KZ-Nebenlagers Steyr-Münichholz unter Denkmalschutz zu stellen. Die Stadt Steyr sollte den Grund kaufen und darin eine „Zeitgeschichte-Werkstätte“ für junge Menschen einrichten. Daraufhin sei die Baracke vom damaligen Besitzer einfach abgerissen worden, erklärte das Komitee.

Es gab damals Proteste in lokalen und internationalen Medien. Das Internationale Mauthausen Komitee CIM äußerte sich empört über den Abriss „dieses so symbolischen Gebäudes.“ Nach der Zerstörung des Gebäudes hätte das Bundesdenkmalamt die Unterschutzstellung der übrig gebliebenen Reste nicht weiter verfolgt.

Kellermauern abgetragen

1995 wurde das Grundstück an die aktuelle Besitzerin verkauft. Einige Zeit wurde das Gelände dann von einem Autohändler genützt. Ob das Grundstück zukünftig als Parkplatz genützt oder ein neues Gebäude errichtet wird, sei derzeit unklar, teilte das Mauthausen Komitee Steyr mit.

1993 hatte der Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, Simon Wiesenthal, erklärt: „Ich bin schockiert. Ich fühle mich durch solche Vorfälle in meiner vier Jahrzehnte dauernden Arbeit weit zurückgeworfen. Wenn unsere Generation einmal gestorben ist, dann wird man wahrscheinlich alles niederreißen, was an die Nazi-Verbrechen erinnert.“

Bis vor wenigen Tagen war auf dem Privatgrundstück an der Haagerstraße in Münichholz noch der gemauerte Keller der ehemaligen Küchenbaracke zu sehen. Damit ist es nach Aushubarbeiten jetzt vorbei.

“Jeden Tag Leichen weggebracht“

In dem Lager waren von März 1942 bis Mai 1945 jeweils zwischen 1.500 und 3.000 KZ-Häftlinge untergebracht. Zunächst wurden im Jänner 1942 300 republikanische Spanier aus Mauthausen in der Waffenindustrie der Steyr-Werke und zum Aufbau des KZ-Nebenlagers Steyr-Münichholz eingesetzt. Ab 14. März 1942 wurde Steyr offiziell als Außenlager des KZ Mauthausen geführt.

Die Häftlinge wurden in der Produktion von Maschinengewehren, Flugzeugmotoren, Lastkraftwagen und Kugellagern eingesetzt. Sie bauten auch Hallen und Straßen im Werksgelände und Luftschutzbunker für die Zivilbevölkerung der Stadt Steyr. Bei Außenarbeiten kam es immer wieder zu Misshandlungen und Erschießungen.

Der Ukrainer Wladimir Maximowitsch Berimez, selbst Häftling im Lager Steyr, beschrieb 2002 das Lager Steyr so: „Das Lager war mit Stacheldraht in zwei Reihen eingezäunt, und zwischen diesen Reihen befanden sich Windungen mit Stacheldraht. An jeder Ecke des Lagergeländes gab es Wachtürme mit Scheinwerfern für die Wachposten, die mit Maschinengewehren ausgerüstet waren.

Hinter dem Lagergelände befanden sich die Baracken für die Lagerwache. Dort waren auch die Lagerbestände für Lebensmittel und Munition untergebracht. Zum Lager führte eine Zugverbindung, die Eisenbahntrasse führte weiter nach Steyr. Jeden Tag wurden Leichen weggebracht.“

Quelle: science.ORF.at/APA

https://science.orf.at/stories/2989886/