Befreiungsfeier des „KZ – Nebenlagers Steyr – Münichholz“
10.
Mai 2010
65
Jahre nach der Befreiung des KZ-Nebenlagers Steyr-Münichholz fand unter Beisein
der Amicale de Mauthausen und Vertretern der Associazione nazionale ex deportati nei lager nazisti
(ANED) aus Sesto San Giovanni im Norden
von Mailand eine sehr gut besuchte Befeiungsfeier beim KZ-Denkmal in der
Haagerstraße statt. Insgesamt nahmen am 10 Mai um 17 Uhr 30 mehr als 200
Menschen an unserer Feier teil. Die Tatsache, dass einige noch lebende
KZ-Häftlinge und deren Angehörige aus Italien und Frankreich den weiten Weg
nach Steyr auf sich nahmen, bestärkt uns in unseren Bemühungen wider das
Vergessen und Verdrängen tätig zu sein.
Auf
die Selbstverständlichkeit dieser Begegnung in heutiger Zeit ging Daniel Simon,
der Präsident der Amicale de Mauthausen, in seiner Rede ein: „Früher kamen wir hierher und hatten Angst,
alleine beim Denkmal zu stehen, da wir durch unsere Gegenwart die Menschen beim
Vergessen zu stören schienen – diese Zeit ist vorbei. Jetzt kommen wir
hierher, um euch zu begegnen, und wir sind über den immer herzlicheren Empfang
der Stadt Steyr sehr glücklich.“ Zur Rede von Daniel Simon
Neben den Vertretern aus Politik und Kirche waren auch sehr viele
Schüler und Jugendliche zur Feier gekommen. Dies freute uns umso mehr, da das
Thema der diesjährigen Befreiungsfeier „Kinder und Jugendliche im
Konzentrationslager“ lautete. Zu diesem Thema hielt Magister Martin
Kranzl-Greinecker als diesjähriger Hauptreferent eine sehr berührende Rede über
das Schicksal der Kinder von Ostarbeitern in Pichl bei Wels. Dort gab es ein
so genanntes „Fremdvölkisches Kinderheim“, eine „Ausländerkinderpflegestätte“
der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, von denen es noch weitere 10 in
Oberdonau gab. Zur Rede von Magister Martin Kranzl-Greinecker
Aber auch in Steyr gab es Jugendliche und Kinder, die einen Teil ihrer
Jugend im Konzentrationslager verbringen mussten oder auch zu Tode kamen. In
das KZ-Nebenlager Steyr-Münichholz wurde im April 1945 der 17-jährige
polnische Schüler Ryszard Zolek und der 18-jährige russische Lehrling Iwan
Jerachowitsch überstellt. Wieslaw Krawczykowski und Alexander Wdziekonski aus
Warschau waren erst 17 Jahre alt, der Kunstmaler Walentin Pogorelow gar erst
16. Noch ein ganze Reihe von Schülern, Studenten und Lehrlinge sind zu finden.
Unter den Häftlingen, die im Steyrer Krematorium verbrannt wurden, war der
13-jährige Ludwig Pischinger (1939) und der 17-jährige Michl Bihary-Stojka.
Weiters findet sich eine ganze Reihe 18-22-jähriger Häftlinge auf dieser Liste
des Krematoriums.
Teilnehmer und Teilnehmerinnen der diesjährigen Befreiungsfeier waren
u. a.:
·
Herr Vizebürgermeister Gerhard
Bremm
·
Herr Dechant Ludwig Walch (r.k.
Kirche), Pfarrerin Mag. Helga Fiala (ev. Kirche), Pfarrer von Münichholz P.
Thomas Szczawinski, Vertreter der Kath. Männerbewegung Münichholz (Hr. Manfred
Indrich) und alle Vertreter der Religionsgemeinschaften,
·
Gedenkredner, Journalisten und
Buchautor Mag. Martin Kranzl-Greinecker
·
Dir. der BAKIP Steyr Dr. Manfred
Holzleitner und Mag. Gunnar Fosen
·
alle Stadt- und Gemeinderäte, die
Vertreter der Parteien
·
die Vertreter der
Jugendorganisationen: GR Florian Schauer für die JVP Steyr, Grünalternative
Jugend Steyr, Kath. Jugend und Sozialistische Jugend
·
Mitglieder des Mauthausen Komitees
Steyr und Herr Helmut Edelmayr vom MKÖ
·
Herr Peter Röck, Löschzug 5 der
Freiwilligen Feuerwehr Münichholz (sorgte für die Sessel und Bänke)
·
Schüler und Schülerinnen der
Berufsschule 2 Steyr und der HAK Steyr, Schüler-und Schülerinnen-Chor der BAKIP Steyr unter der Leitung von
Frau Elisabeth König-Karner
Vielen Dank für ihre Mithilfe und ihr Kommen!
STEYR, 10. Mai 2010 - Amicale de Mauthausen
– Daniel Simon
Sehr geehrter Herr Bürgermeister, meine Damen
und Herren, liebe Freunde!
Früher kamen wir hierher und hatten Angst,
alleine beim Denkmal zu stehen, da wir durch unsere Gegenwart die Menschen beim
Vergessen zu stören schienen – diese Zeit ist vorbei. Jetzt kommen wir
hierher, um euch zu begegnen, und wir sind über den immer herzlicheren Empfang
der Stadt Steyr sehr glücklich. 65 Jahre nach der Kapitulation der Nazis -
dieser Augenblick ist noch immer sehr stark für uns alle und hat etwas
Mysteriöses. Was suchen wir hier und was wollen wir an diesem Ort zum Ausdruck
bringen?
Zunächst geht es uns um die Trauer – die
seltsamerweise auch nach all den Jahren noch immer sehr tief ist. Denn die vom
KZ-System Mauthausen durchgeführten Massenmorde und die begangenen Gewalttaten
waren niemals bloß das Ergebnis unglücklicher Umstände: im Gegenteil, sie waren
der Nazilogik inhärent und wurden sogar als neue Ethik propagiert. Diese Wunden
der Unmenschlichkeit lassen sich nicht heilen!
Des Weiteren braucht die Erinnerung Orte. Für
uns ist es wichtig, diese lange Reise hierher zu unternehmen, auch wenn die
Spuren der Vergangenheit kaum mehr sichtbar sind und auch wenn die meisten von
uns dieses Grauen nicht selbst erlebt haben.
Schließlich kommen wir vor allem zu euch, um
uns gegenseitig darin zu bestärken, die Werte der Zivilisation aufrecht
erhalten zu wollen, jene Werte, die ja von den Nazis mit Füssen getreten und
vernichtet wurden und die wir noch immer wachsam verteidigen müssen.
Aber ist es genug, gemeinsame Überzeugungen
und die Sorge um die herrschenden ja sogar wachsenden Bedrohungen nicht nur in
Österreich, sondern auch in Europa nur kundzutun?
Die Orte der Erinnerung an die Nazi-Vergangenheit
sind auch für unsere Feinde interessant, sie verhöhnen und provozieren uns, wie
hier vor Jahren in Steyr, vor einem Jahr in Ebensee und an der Mauer von
Mauthausen im vorigen März so wie ein Jahr davor. Manche schließen daraus,
dass ohne unsere Anwesenheit diese nostalgischen und offen neonazistischen
Provokationen ausgeblieben wären. Nach dieser Logik, sind also wir die
Provokateure!
Ja tatsächlich stiften wir Unruhe, wir sind
Fremde auf der Durchreise, wir sprechen im Namen aller Fremden auf der Durchreise.
Da Mauthausen zu einer Vergangenheit gehört, in der die besiegten Völker
versklavt wurden bis hin zum Massenmord, stellt diese Fremdenfeindlichkeit von
heute – die häufig noch versteckt auftritt - eine besondere Bedrohung für uns
dar - in Worten, in Taten aber auch in der Gleichgültigkeit.
Fast überall im heutigen Europa umwirbt die
gleiche extreme Rechte in attraktiven Reden die Einheimischen. So lobt sie
beispielsweise die Verdienste einer großzügigen und gönnerhaften Sozialpolitik,
von der jedoch die neu Zugewanderten ausgeschlossen und dabei in ihren
fundamentalen Lebensrechten radikal beschnitten sein sollen. Diese
populistische Volksverhetzung bemächtigt sich klammheimlich des Wahlspruches
vom Eingangstor des KZ Buchenwald: « Jedem das Seine! »
In diesem bedrohlichen und unerträglichen
Umfeld (Kontext) begrüßen wir jene, die es sich hier in Steyr zur Aufgabe
gemacht haben, sich gegen diese Vergangenheit zu stellen. Sie planen ein
Stollenmuseum über diese dunklen Jahre, ein Mittel, um gegen das Vergessen
anzukämpfen.
Dass die schöne Stadt Steyr bereit ist, nicht
nur die Fassade einer glorreichen Vergangenheit zu zeigen, ist eine mutige Tat.
Wir verstehen dies auch als Zeichen der Freundschaft und es ist ein Grund mehr,
eure schöne Stadt zu lieben.
Gedenkrede
Befreiungsfeier Steyr am 10. Mai 2010
Martin
Kranzl-Greinecker
Wir versammeln
uns heute Abend, um der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen mit
seinen Nebenlagern nach den schrecklichen Jahren der unmenschlichen
Nazi-Diktatur und des 2. Weltkrieges vor 65 Jahren zu gedenken. Ich verneige
mich vor allen Opfern, vor den zu Tode gekommenen ebenso wie vor den
Überlebenden und ihren Angehörigen. Und besonders vor allen „Kindern und
Jugendlichen“, die im Blickpunkt der diesjährigen Befreiungsfeiern stehen.
Ich bin dankbar
dafür, zu Ihnen sprechen zu dürfen als einer, der sich für die Lebenssituation
von Kindern interessiert – damals und heute, hierzulande und an anderen Orten
der Erde. Ich tue dies sowohl in meinem Beruf als Redakteur einer pädagogischen
Fachzeitschrift als auch als Privatmann, der seit Jahren das Schicksal der
Kinder von Ostarbeiterinnen gegen Ende des 2. Weltkrieges erforscht. In meinem
Heimatort Pichl bei Wels gab es – wie übrigens an zehn weiteren Standorten
unseres Bundeslandes – ein so genanntes „Fremdvölkisches Kinderheim“, eine
„Ausländerkinderpflegestätte“ der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt.
Zwangsarbeiterinnen
und ihre Kinder
Lassen Sie mich
kurz die Vorgeschichte dieser Heime aufzeigen: Viele der 1,7 Millionen zur
landwirtschaftlichen und industriellen Zwangsarbeit ins Deutsche Reich
verschleppten Frauen wurden schwanger – die Frage, wer die Väter waren und
unter welchen Umständen die Kinder gezeugt wurden, sei heute beiseite gelegt.
Schwangere Ostarbeiterinnen waren im Repressionssystem freilich nicht
vorgesehen, sodass der Gauleiter von Oberdonau, August Eigruber, sich im Juli
1942 brieflich an den Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, wandte und die
Errichtung von speziellen Kinderheimen vorschlug. Insgesamt wurden etwa 200.000
Kinder von Zwangsarbeiterinnen geboren, es gab 300 solcher Heime im Deutschen
Reich, das erste und der Prototyp im Gau Oberdonau war der Lindenhof in Spital
am Pyhrn. Sofern die Kinder geboren wurden, denn immerhin gab es auch den Weg der
Zwangsabtreibung bis ins 7. Monat – obwohl im NS-Staat Abtreibung unter
Todesstrafe verboten war, wurden allein im letzten Kriegsjahr an der Linzer
Gau-Frauenklinik 1000 ungeborene Kinder getötet. Hintergrund der ablehnenden
Haltung gegenüber diesen Kindern war einerseits die Tatsache, dass sie die
Arbeitskraft der Frauen einschränkten, andererseits und viel stärker aber
stellte die rassistische NS-Ideologie die Frage nach dem Lebensrecht sog.
„minderwertiger, slawischer Kinder.“ Zumeist wurden also kurz nach der Geburt
den überwiegend polnischen, russischen und ukrainischen Müttern ihre Babys
weggenommen und in diese Kinderheime gebracht, wo sie mehr schlecht als recht
versorgt, gepflegt und betreut wurden und nicht wenige Kinder verstarben. Im
Sommer 1943 war es in Spital am Pyhrn zu einem Massensterben gekommen, was zum
Besuch einer hochrangigen Untersuchungskommission aus Berlin führte. In ihrem
Bericht heißt es ungeschminkt menschenverachtend: „Zum Teil ist man der
Auffassung, die Kinder der Ostarbeiterinnen sollen sterben, zum anderen Teil
der Auffassung, sie aufzuziehen. Es gibt hier nur ein Entweder-Oder.“ Wer diese
Kinder als spätere Arbeitskräfte betrachte, müsse sie gut ernähren. Wenn sie
aber ohnehin kein Lebensrecht hätten, gäbe es schnellere Möglichkeiten als sie
in Heimen vegetieren zu lassen und der Bevölkerung sogar noch wertvolle Milche
zu entziehen …“, so die Kommission. Man entschied sich für die Betreuung der
Kinder und errichtete neue Heime. Ins Schloss Etzelsdorf in meinem Heimatort Pichl
etwa wurden insgesamt rund 70 Säuglinge und Kleinkinder gebracht, von der
Erstbelegung starb ein Drittel nach wenigen Wochen an Mangelernährung. Die 13
Babys wurden namenlos am Ortsfriedhof beigesetzt und fast 60 Jahre lang sprach
niemand von ihnen. Zufällig lernte ich 2001 eine alte Frau kennen, die mir von
den Kindern der Zwangsarbeiterinnen erzählte. Ich begann zu recherchieren und
lernte auch Überlebende aus dem Heim kennen. Heute erinnert am Friedhof Pichl
ein Gedenkzeichen an die hier bestatteten Kinder Paul, Wladimir, Stefan,
Zygmund, Franz Ernst, Kasimir, Anna, Jan, Wanda, Victor, Jeanne-Pierette und
Katharina stellvertretend für alle anderen Opfer.
Leben ohne
Identität
Eine besondere
Opfergruppe stellen für mich jene Kinder dar, die zwar überlebt haben, die aber
verwechselt wurden, denn das Recht auf Identität wurde den slawischen
Säuglingen systematisch verweigert. Nach Angaben von Mitarbeiterinnen im Heim
gab es keine Namensschilder, weder am Körper noch am Bett und die Kinder wurden
auch nicht mit Namen angesprochen. Es waren Kinder, die nicht zählten.
Persönliche Ansprache und Zuwendung war ja überhaupt nicht vorgesehen. Kein
Wunder, dass bei Kriegsende die Zwei- und Dreijährigen schwer hospitalisiert
und ohne Sprache, bellend wie die Wöfe, vorgefunden wurden. Wurden sie dann den
Müttern zurückgegeben, kam es immer wieder zu Verwechslungen. Gestatten Sie
mir, dazu kurz die Geschichte von Katharina Brandstetter, die heute unter uns
ist, zu erzählen. Ihre Mutter Boleslawa war als 14-jähriges taubstummes Mädchen
in ihrer polnischen Heimat von Nazis versklavt worden und kam nach einem
schrecklichen Froneinsatz in Norddeutschland auf einen Bauernhof nach Sierning
bei Steyr, wo sie bald schwanger wurde. Im April 1943 kam die Tochter zur Welt,
nach wenigen Tagen in den Lindenhof nach Spital und von dort später nach Pichl.
Nach Kriegsende lernte Boleslawa, die erst 2009 verstorben ist, im DP-Lager
Ebensee ihren späteren Ehemann kennen, der ursprünglich Zwangsarbeiter in den
Steyrer Werken gewesen und wegen eines Fluchtversuchs ins KZ gekommen war. Vor
wenigen Jahren ließ Katharina Brandstetter, die ihr Leben lang die Vermutung
hatte, nicht bei ihrer echten Mutter zu sein, einen DNA-Test machen – mit dem
Ergebnis: „Nicht verwandt.“ Man hatte irgendein Kind ausgehändigt, vielleicht
weil das tatsächliche unter den Verstorbenen war. Wie Katharina Brandstetter
suchen bis heute viele dieser Kinder – in Polen gibt es eigene Opferverbände –
nach ihren Wurzeln und fragen: Wer bin ich wirklich? Wie heiße ich? Wann wurde
ich geboren? Wer waren meine Eltern und Großeltern? Habe ich Geschwister?
Auch solche
Zweifel sind Teil der großen Frage nach Ausschwitz, Theresienstadt und
Mauthausen – auch in Mauthausen waren über 15.000 Häftlinge im jugendlichen
Alter –, sind Teil jener großen Frage, die wir vor allem auch nach den
Erfahrungen im vergangenen Bundespräsidentenwahlkampf nie aus dem Blick rücken
dürfen: Wie kann man damit weiterleben? Wie ist mit der historischen Wahrheit
umzugehen? Was ist zu tun, dass solches niemals wieder vorkommt?
„Die hässlichste
Seite des Menschen“
Das Schicksal der
Kinder und Jugendlichen von damals ist nicht allzu bekannt und für viele nur
mit dem Tagebuch der Anne Frank verbunden. In ihrem Tagebuch hat Anne Frank
übrigens das besondere Los ihrer Generation auf den Punkt gebracht: „Wir, die
Jüngeren, haben doppelt Mühe, unsere Meinungen in einer Zeit zu behaupten, in
der aller Idealismus zerstört und kaputtgemacht wird, in der sich die Menschen
von ihrer hässlichsten Seite zeigen.“
Zu dieser
hässlichen Seite gehören gehören die jugendlichen Zwangsarbeiter, die vor
Heimweh fast umkamen. Es gehören dazu die Kinder in den KZs, von Bergen-Belsen
bis Auschwitz, sowie spezielle Jugend-Konzentrationslager in Norddeutschland.
Wie barbarisch, wie herzlos ist es, schuldlose und wehrlose Kinder in Lager zu
stecken, sie ins Gas zu schicken? Eineinhalb der sechs
Millionen im Holocaust ermordeter Juden waren Kinder. Weder die Ermordeten,
noch die wenigen tausend Überlebenden konnten ihre Kindheit als spielerischen
Lernort erleben. In manchen Fällen mussten sie ihre Eltern oder Geschwister
versorgen. Vielfach gaben sie ihren nächsten Angehörigen Hoffnung und Kraft bei
ihrem täglichen Kampf ums Überleben. „Wir hatten noch gar
nicht angefangen zu leben“, heißt eine Ausstellung über die Jugend-KZs, in die
unter anderem Jugendliche wegen ihres Faibles für Swing-Musik kamen. Zur
hässlichen Seite gehören die Erziehungsheime und der Verein „Lebensborn“, der
Kinder raubte und germanisierte. Dazu gehören die menschlichen
Versuchskaninchen aus Lagern und Anstalten, gehören die euthanasierten Kinder
vom Wiener Spiegelgrund und von Hartheim.
Dazu gehört das
Ghetto Theresienstadt, das mehr als 15.000 Kinder passierten.
Aus
Theresienstadt hat Karel Fleischmann folgendes Märchen in
vier Sätzen überliefert: „Es war einmal ein König und der hatte Hunger. Er ging
zum Schalter und sagte nur: Zweimal! Das ist das ganze Märchen, das ist das
ganze Theresienstadt. Die Kinderphantasie von der doppelten Portion.“
Nationalsozialistische
Pädagogik und ihre Auswirkungen
Zur hässlichen
Seite jener Zeit gehört aber die nationalsozialistische Erziehung ganz
allgemein, auch außerhalb der Orte des Grauens. Der Einfluss der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auf Kinder und Jugendliche in den
Familien, Kindergärten und Schulen war allgegenwärtig und – davon bin ich fest
überzeugt – er wirkt bis heute nach. Wenn wir in den letzten Monaten viel
Schlimmes und Unverzeihliches aus Schulen, Heimen und Internaten, vor allem aus
kirchlichen Einrichtungen, gehört haben, dann sollten wir das Weiterwirken des
menschenverachtenden, beinharten, würdelosen Umgangs der NS-Pädagogik mit
Kindern auch Jahrzehnte nach dem Dritten Reich nicht unbeachtet lassen. Ich
habe selbst neun Jahre im katholischen Internatsschulen verbracht und als vor
einigen Jahren der Film „Napola“ den Alltag in Nazi-Eliteschulen dokumentierte,
konnte ich mir diesen Film nur in kleinen Tranchen von zehn Minuten ansehen,
weil er mich zu sehr aufwühlte und mich oft bis ins Detail an eigene
Erfahrungen erinnerte. Keine Sorge, ich vergleiche nicht Unvergleichbares! Und
doch will ich auf die vergleichbaren Muster und Haltungen hinweisen. Denn der
gegenseitige Einfluss von christlicher und nationalsozialistischer Pädagogik
ist bei genauer Betrachtung unübersehbar.
Die
Nationalsozialisten wollten ihre Kinder zur Kaltherzigkeit erziehen, das hat
Sigrid Chamberlain mit ihrer Arbeit über „Adolf Hitler und die deutsche Mutter“
klar nachgewiesen. Körperliche Ertüchtigung, Abhärtung und Härte, militärische
Strenge, vor allem ja kein Mitgefühl – waren die Werte, die blindem Gehorsam in
den Armeen und Lagerleitungen zu Grunde lagen. In den Erziehungsratgebern von
damals, der bekannteste war übrigens bis in die 1980er-Jahre millionenfach
verbreitet, wurde davor gewarnt, schreiende Kinder zu trösten, weil sie dadurch
verwöhnt würden. So ziehe man sich „Haustyrannen“ heran. Ich kann mir die
Nebenbemerkung nicht verkneifen, dass sich aktuelle Bestseller der
pädagogischen Fachliteratur wieder des Begriffs „kindlicher Tyrannen“ bedienen.
Es ist zu hoffen, dass alle, die in der Pädagogik vermehrt nach Grenzen und
klaren Vorgaben rufen, wissen, wie schnell man sich in die Nähe von
Entrechtung, Missachtung und Entwürdigung begibt.
Erinnerung und
Versöhnung
Abschließend
heute abend noch einmal die Frage: Wie können wir mit dem damals Geschehenen
weiterleben? Was haben wir heute aus dem Gestern für das Morgen zu lernen?
Lange Zeit
dominierte ja in unserem Land jene Haltung, die die oberösterreichische
Kinderbuchautorin Käthe Recheis als Titel für ein Buch über KZ-Ereignisse ihrer
eigenen Jugend gewählt hatte: „Geh heim und vergiss alles.“ Die sich aber „des
Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben“,
sagte Santayana. Deshalb ist die Erinnerung nicht nur Akt der Solidarität mit
den Opfern und Auftrag, es nie wieder soweit zu lassen, dass Kinder
systematisch zur Härte erzogen oder wegen ihrer Herkunft ausgegrenzt und
unmenschlich behandelt werden. Erinnerung ist auch der Beginn von Heilung und
Versöhnung.
Lassen Sie mich
schließen mit dem Appell der in Rumänien geborene Jüdin Eva Mozes Kor, die
gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Miriam an der Rampe von Auschwitz vom
KZ-Arzt Josef Mengele für medizinische Experimente aussortiert wurde und den
Überlebendenverband C.A.N.D.L.E.S. („Children of Auschwitz-Nazi's Deadly Lab
Experiments Survivors“) gegründet hat:
„Viel Schmerz
tragen wir alle mit uns herum. Es hilft niemandem, die Bürde der Vergangenheit
zu tragen. Wir müssen lernen, uns von den Tragödien des Holocaust zu heilen.
Sorgen wir dafür, dass es nie wieder Krieg gibt, nie wieder Bomben, nie wieder
unfreiwillige Experimente, nie wieder Hass, nie wieder Gaskammern, nie wieder
so etwas wie Auschwitz.“
Und ich füge
hinzu: Nie wieder so etwas wie Mauthausen, Steyr, Spital am Pyhrn oder
Etzelsdorf.
Nie wieder!