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Neuigkeiten eingetragen am 29. Mai 2010

Befreiungsfeier des „KZ – Nebenlagers Steyr – Münichholz“
10. Mai 2010

 

65 Jahre nach der Befreiung des KZ-Nebenlagers Steyr-Münichholz fand unter Beisein der Amicale de Mauthausen und Vertretern der Associazione nazionale ex deportati nei lager nazisti (ANED) aus Sesto San Giovanni im Norden von Mailand eine sehr gut besuchte Befeiungsfeier beim KZ-Denkmal in der Haagerstraße statt. Insgesamt nahmen am 10 Mai um 17 Uhr 30 mehr als 200 Menschen an unserer Feier teil. Die  Tatsache, dass einige noch lebende KZ-Häftlinge und deren Angehörige aus Italien und Frankreich den weiten Weg nach Steyr auf sich nahmen, bestärkt uns in unseren Bemühungen wider das Vergessen und Verdrängen tätig zu sein.

Auf die Selbstverständlichkeit dieser Begegnung in heutiger Zeit ging Daniel Simon, der Präsident der Amicale de Mauthausen, in seiner Rede ein: „Früher kamen wir hierher und hatten Angst, alleine beim Denkmal zu stehen, da wir durch unsere Gegenwart die Menschen beim Vergessen zu stören schienen – diese Zeit ist vorbei.  Jetzt kommen wir hierher, um euch zu begegnen, und wir sind über den immer herzlicheren Empfang der Stadt Steyr sehr glücklich.“ Zur Rede von Daniel Simon

Neben den Vertretern aus Politik und Kirche waren auch sehr viele Schüler und Jugendliche zur Feier gekommen. Dies freute uns umso mehr, da das Thema der diesjährigen Befreiungsfeier „Kinder und Jugendliche im Konzentrationslager“ lautete. Zu diesem Thema hielt Magister Martin Kranzl-Greinecker als diesjähriger Hauptreferent eine sehr berührende Rede über das Schicksal der Kinder von Ostarbeitern in  Pichl bei Wels. Dort gab es ein so genanntes „Fremdvölkisches Kinderheim“, eine „Ausländerkinderpflegestätte“ der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, von denen es noch weitere 10 in Oberdonau gab. Zur Rede von Magister Martin Kranzl-Greinecker

Aber auch in Steyr gab es Jugendliche und Kinder, die einen Teil ihrer Jugend im Konzentrationslager verbringen mussten oder auch zu Tode kamen. In das KZ-Nebenlager Steyr-Münichholz  wurde im April 1945 der 17-jährige polnische Schüler Ryszard Zolek und der 18-jährige russische Lehrling Iwan Jerachowitsch überstellt. Wieslaw Krawczykowski und Alexander Wdziekonski aus Warschau waren erst 17 Jahre alt, der Kunstmaler Walentin Pogorelow gar erst 16. Noch ein ganze Reihe von Schülern, Studenten und Lehrlinge sind zu finden. Unter den Häftlingen, die im Steyrer Krematorium verbrannt wurden, war der 13-jährige Ludwig Pischinger (1939) und der 17-jährige Michl Bihary-Stojka. Weiters findet sich eine ganze Reihe 18-22-jähriger Häftlinge auf dieser Liste des Krematoriums.

 

Teilnehmer und Teilnehmerinnen der diesjährigen Befreiungsfeier waren u. a.:

·         Herr Vizebürgermeister Gerhard Bremm

·         Herr Dechant Ludwig Walch (r.k. Kirche), Pfarrerin Mag. Helga Fiala (ev. Kirche), Pfarrer von Münichholz  P. Thomas Szczawinski, Vertreter der Kath. Männerbewegung Münichholz (Hr. Manfred Indrich) und alle Vertreter der Religionsgemeinschaften,

·         Gedenkredner, Journalisten und Buchautor Mag. Martin Kranzl-Greinecker

·         Dir. der BAKIP Steyr Dr. Manfred Holzleitner und Mag. Gunnar Fosen

·         alle Stadt- und Gemeinderäte, die Vertreter der Parteien

·         die Vertreter der Jugendorganisationen: GR Florian Schauer für die JVP Steyr, Grünalternative Jugend Steyr, Kath. Jugend und Sozialistische Jugend

·         Mitglieder des Mauthausen Komitees Steyr und Herr Helmut Edelmayr vom MKÖ

·         Herr Peter Röck, Löschzug 5 der Freiwilligen Feuerwehr Münichholz (sorgte für die Sessel und Bänke)

·         Schüler und Schülerinnen der Berufsschule 2 Steyr und der HAK Steyr, Schüler-und Schülerinnen-Chor der BAKIP Steyr unter der Leitung von Frau Elisabeth König-Karner 

 

Vielen Dank für ihre Mithilfe und ihr Kommen!

Befreiungsfeier 2010

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Noch viele Fotos mehr sind zu finden unter Bilder.





Gedenkrede von Daniel Simon

STEYR, 10. Mai 2010 -  Amicale de Mauthausen – Daniel Simon 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,  meine Damen und Herren, liebe Freunde!

Früher kamen wir hierher und hatten Angst, alleine beim Denkmal zu stehen, da wir durch unsere Gegenwart die Menschen beim Vergessen zu stören schienen – diese Zeit ist vorbei.  Jetzt kommen wir hierher, um euch zu begegnen, und wir sind über den immer herzlicheren Empfang der Stadt Steyr  sehr glücklich. 65 Jahre nach der Kapitulation der Nazis -  dieser Augenblick ist noch immer sehr stark für uns alle und hat etwas Mysteriöses.  Was suchen wir hier und was wollen wir an diesem Ort zum Ausdruck bringen?   

Zunächst geht es uns um die Trauer – die seltsamerweise auch  nach all den Jahren noch immer sehr tief ist. Denn die vom KZ-System Mauthausen durchgeführten Massenmorde und die begangenen Gewalttaten waren niemals bloß das Ergebnis unglücklicher Umstände: im Gegenteil, sie waren der Nazilogik inhärent und wurden sogar als neue Ethik propagiert. Diese Wunden der Unmenschlichkeit lassen sich nicht heilen!

Des Weiteren braucht die Erinnerung Orte. Für uns ist es wichtig, diese lange Reise  hierher zu unternehmen, auch wenn die Spuren der Vergangenheit kaum mehr sichtbar sind und auch wenn die meisten von uns dieses Grauen nicht selbst erlebt haben. 

Schließlich kommen wir vor allem zu euch, um uns gegenseitig darin zu bestärken, die Werte der Zivilisation aufrecht erhalten zu wollen,  jene Werte, die ja von den Nazis mit Füssen getreten und vernichtet wurden und die wir noch immer wachsam verteidigen müssen.

Aber ist es genug, gemeinsame Überzeugungen und die Sorge um die herrschenden ja sogar wachsenden Bedrohungen nicht nur in Österreich, sondern auch in Europa nur kundzutun? 

Die Orte der Erinnerung an die Nazi-Vergangenheit sind auch für unsere Feinde interessant, sie verhöhnen und provozieren uns, wie hier vor Jahren in Steyr, vor einem Jahr in Ebensee und an der Mauer von Mauthausen im vorigen März  so wie ein Jahr davor.  Manche schließen daraus, dass ohne unsere Anwesenheit diese nostalgischen und offen neonazistischen Provokationen ausgeblieben wären. Nach dieser Logik, sind also wir die Provokateure!

Ja tatsächlich stiften wir Unruhe, wir sind Fremde auf der Durchreise, wir sprechen im Namen aller Fremden auf der Durchreise.  Da Mauthausen zu einer Vergangenheit gehört, in der die besiegten Völker versklavt wurden bis hin zum Massenmord,  stellt diese Fremdenfeindlichkeit von heute – die häufig noch versteckt auftritt -  eine besondere Bedrohung für uns dar - in Worten, in Taten aber auch in der Gleichgültigkeit.

Fast überall im heutigen Europa umwirbt die gleiche extreme Rechte in attraktiven Reden die Einheimischen. So lobt sie beispielsweise die Verdienste einer großzügigen und gönnerhaften Sozialpolitik, von der jedoch die neu Zugewanderten ausgeschlossen und dabei in ihren fundamentalen Lebensrechten radikal beschnitten sein sollen. Diese populistische Volksverhetzung bemächtigt sich klammheimlich des Wahlspruches vom Eingangstor des KZ Buchenwald:  « Jedem das Seine! »

In diesem bedrohlichen und unerträglichen Umfeld (Kontext) begrüßen wir jene, die es sich hier in Steyr zur Aufgabe gemacht haben, sich gegen diese Vergangenheit zu stellen. Sie planen ein Stollenmuseum über diese dunklen Jahre, ein Mittel, um gegen das Vergessen anzukämpfen.

Dass die schöne Stadt Steyr bereit ist, nicht nur die Fassade einer glorreichen Vergangenheit zu zeigen, ist eine mutige Tat. Wir verstehen dies auch als Zeichen der Freundschaft und es ist ein Grund mehr, eure schöne Stadt zu lieben. 







Gedenkrede von Martin Kranzl-Greinecker

Gedenkrede Befreiungsfeier Steyr am 10. Mai 2010

Martin Kranzl-Greinecker

 

Wir versammeln uns heute Abend, um der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen mit seinen Nebenlagern nach den schrecklichen Jahren der unmenschlichen Nazi-Diktatur und des 2. Weltkrieges vor 65 Jahren zu gedenken. Ich verneige mich vor allen Opfern, vor den zu Tode gekommenen ebenso wie vor den Überlebenden und ihren Angehörigen. Und besonders vor allen „Kindern und Jugendlichen“, die im Blickpunkt der diesjährigen Befreiungsfeiern stehen.

Ich bin dankbar dafür, zu Ihnen sprechen zu dürfen als einer, der sich für die Lebenssituation von Kindern interessiert – damals und heute, hierzulande und an anderen Orten der Erde. Ich tue dies sowohl in meinem Beruf als Redakteur einer pädagogischen Fachzeitschrift als auch als Privatmann, der seit Jahren das Schicksal der Kinder von Ostarbeiterinnen gegen Ende des 2. Weltkrieges erforscht. In meinem Heimatort Pichl bei Wels gab es – wie übrigens an zehn weiteren Standorten unseres Bundeslandes – ein so genanntes „Fremdvölkisches Kinderheim“, eine „Ausländerkinderpflegestätte“ der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt.

 

Zwangsarbeiterinnen und ihre Kinder

Lassen Sie mich kurz die Vorgeschichte dieser Heime aufzeigen: Viele der 1,7 Millionen zur landwirtschaftlichen und industriellen Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppten Frauen wurden schwanger – die Frage, wer die Väter waren und unter welchen Umständen die Kinder gezeugt wurden, sei heute beiseite gelegt. Schwangere Ostarbeiterinnen waren im Repressionssystem freilich nicht vorgesehen, sodass der Gauleiter von Oberdonau, August Eigruber, sich im Juli 1942 brieflich an den Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, wandte und die Errichtung von speziellen Kinderheimen vorschlug. Insgesamt wurden etwa 200.000 Kinder von Zwangsarbeiterinnen geboren, es gab 300 solcher Heime im Deutschen Reich, das erste und der Prototyp im Gau Oberdonau war der Lindenhof in Spital am Pyhrn. Sofern die Kinder geboren wurden, denn immerhin gab es auch den Weg der Zwangsabtreibung bis ins 7. Monat – obwohl im NS-Staat Abtreibung unter Todesstrafe verboten war, wurden allein im letzten Kriegsjahr an der Linzer Gau-Frauenklinik 1000 ungeborene Kinder getötet. Hintergrund der ablehnenden Haltung gegenüber diesen Kindern war einerseits die Tatsache, dass sie die Arbeitskraft der Frauen einschränkten, andererseits und viel stärker aber stellte die rassistische NS-Ideologie die Frage nach dem Lebensrecht sog. „minderwertiger, slawischer Kinder.“ Zumeist wurden also kurz nach der Geburt den überwiegend polnischen, russischen und ukrainischen Müttern ihre Babys weggenommen und in diese Kinderheime gebracht, wo sie mehr schlecht als recht versorgt, gepflegt und betreut wurden und nicht wenige Kinder verstarben. Im Sommer 1943 war es in Spital am Pyhrn zu einem Massensterben gekommen, was zum Besuch einer hochrangigen Untersuchungskommission aus Berlin führte. In ihrem Bericht heißt es ungeschminkt menschenverachtend: „Zum Teil ist man der Auffassung, die Kinder der Ostarbeiterinnen sollen sterben, zum anderen Teil der Auffassung, sie aufzuziehen. Es gibt hier nur ein Entweder-Oder.“ Wer diese Kinder als spätere Arbeitskräfte betrachte, müsse sie gut ernähren. Wenn sie aber ohnehin kein Lebensrecht hätten, gäbe es schnellere Möglichkeiten als sie in Heimen vegetieren zu lassen und der Bevölkerung sogar noch wertvolle Milche zu entziehen …“, so die Kommission. Man entschied sich für die Betreuung der Kinder und errichtete neue Heime. Ins Schloss Etzelsdorf in meinem Heimatort Pichl etwa wurden insgesamt rund 70 Säuglinge und Kleinkinder gebracht, von der Erstbelegung starb ein Drittel nach wenigen Wochen an Mangelernährung. Die 13 Babys wurden namenlos am Ortsfriedhof beigesetzt und fast 60 Jahre lang sprach niemand von ihnen. Zufällig lernte ich 2001 eine alte Frau kennen, die mir von den Kindern der Zwangsarbeiterinnen erzählte. Ich begann zu recherchieren und lernte auch Überlebende aus dem Heim kennen. Heute erinnert am Friedhof Pichl ein Gedenkzeichen an die hier bestatteten Kinder Paul, Wladimir, Stefan, Zygmund, Franz Ernst, Kasimir, Anna, Jan, Wanda, Victor, Jeanne-Pierette und Katharina stellvertretend für alle anderen Opfer.

 

Leben ohne Identität

Eine besondere Opfergruppe stellen für mich jene Kinder dar, die zwar überlebt haben, die aber verwechselt wurden, denn das Recht auf Identität wurde den slawischen Säuglingen systematisch verweigert. Nach Angaben von Mitarbeiterinnen im Heim gab es keine Namensschilder, weder am Körper noch am Bett und die Kinder wurden auch nicht mit Namen angesprochen. Es waren Kinder, die nicht zählten. Persönliche Ansprache und Zuwendung war ja überhaupt nicht vorgesehen. Kein Wunder, dass bei Kriegsende die Zwei- und Dreijährigen schwer hospitalisiert und ohne Sprache, bellend wie die Wöfe, vorgefunden wurden. Wurden sie dann den Müttern zurückgegeben, kam es immer wieder zu Verwechslungen. Gestatten Sie mir, dazu kurz die Geschichte von Katharina Brandstetter, die heute unter uns ist, zu erzählen. Ihre Mutter Boleslawa war als 14-jähriges taubstummes Mädchen in ihrer polnischen Heimat von Nazis versklavt worden und kam nach einem schrecklichen Froneinsatz in Norddeutschland auf einen Bauernhof nach Sierning bei Steyr, wo sie bald schwanger wurde. Im April 1943 kam die Tochter zur Welt, nach wenigen Tagen in den Lindenhof nach Spital und von dort später nach Pichl. Nach Kriegsende lernte Boleslawa, die erst 2009 verstorben ist, im DP-Lager Ebensee ihren späteren Ehemann kennen, der ursprünglich Zwangsarbeiter in den Steyrer Werken gewesen und wegen eines Fluchtversuchs ins KZ gekommen war. Vor wenigen Jahren ließ Katharina Brandstetter, die ihr Leben lang die Vermutung hatte, nicht bei ihrer echten Mutter zu sein, einen DNA-Test machen – mit dem Ergebnis: „Nicht verwandt.“ Man hatte irgendein Kind ausgehändigt, vielleicht weil das tatsächliche unter den Verstorbenen war. Wie Katharina Brandstetter suchen bis heute viele dieser Kinder – in Polen gibt es eigene Opferverbände – nach ihren Wurzeln und fragen: Wer bin ich wirklich? Wie heiße ich? Wann wurde ich geboren? Wer waren meine Eltern und Großeltern? Habe ich Geschwister?

Auch solche Zweifel sind Teil der großen Frage nach Ausschwitz, Theresienstadt und Mauthausen – auch in Mauthausen waren über 15.000 Häftlinge im jugendlichen Alter –, sind Teil jener großen Frage, die wir vor allem auch nach den Erfahrungen im vergangenen Bundespräsidentenwahlkampf nie aus dem Blick rücken dürfen: Wie kann man damit weiterleben? Wie ist mit der historischen Wahrheit umzugehen? Was ist zu tun, dass solches niemals wieder vorkommt?

 

„Die hässlichste Seite des Menschen“

Das Schicksal der Kinder und Jugendlichen von damals ist nicht allzu bekannt und für viele nur mit dem Tagebuch der Anne Frank verbunden. In ihrem Tagebuch hat Anne Frank übrigens das besondere Los ihrer Generation auf den Punkt gebracht: „Wir, die Jüngeren, haben doppelt Mühe, unsere Meinungen in einer Zeit zu behaupten, in der aller Idealismus zerstört und kaputtgemacht wird, in der sich die Menschen von ihrer hässlichsten Seite zeigen.“

Zu dieser hässlichen Seite gehören gehören die jugendlichen Zwangsarbeiter, die vor Heimweh fast umkamen. Es gehören dazu die Kinder in den KZs, von Bergen-Belsen bis Auschwitz, sowie spezielle Jugend-Konzentrationslager in Norddeutschland. Wie barbarisch, wie herzlos ist es, schuldlose und wehrlose Kinder in Lager zu stecken, sie ins Gas zu schicken? Eineinhalb der sechs Millionen im Holocaust ermordeter Juden waren Kinder. Weder die Ermordeten, noch die wenigen tausend Überlebenden konnten ihre Kindheit als spielerischen Lernort erleben. In manchen Fällen mussten sie ihre Eltern oder Geschwister versorgen. Vielfach gaben sie ihren nächsten Angehörigen Hoffnung und Kraft bei ihrem täglichen Kampf ums Überleben. „Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben“, heißt eine Ausstellung über die Jugend-KZs, in die unter anderem Jugendliche wegen ihres Faibles für Swing-Musik kamen.  Zur hässlichen Seite gehören die Erziehungsheime und der Verein „Lebensborn“, der Kinder raubte und germanisierte. Dazu gehören die menschlichen Versuchskaninchen aus Lagern und Anstalten, gehören die euthanasierten Kinder vom Wiener Spiegelgrund und von Hartheim.

Dazu gehört das Ghetto Theresienstadt, das mehr als 15.000 Kinder passierten.

Aus Theresienstadt hat Karel Fleischmann folgendes Märchen in vier Sätzen überliefert: „Es war einmal ein König und der hatte Hunger. Er ging zum Schalter und sagte nur: Zweimal! Das ist das ganze Märchen, das ist das ganze Theresienstadt. Die Kinderphantasie von der doppelten Portion.“

 

Nationalsozialistische Pädagogik und ihre Auswirkungen

Zur hässlichen Seite jener Zeit gehört aber die nationalsozialistische Erziehung ganz allgemein, auch außerhalb der Orte des Grauens. Der Einfluss der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auf Kinder und Jugendliche in den Familien, Kindergärten und Schulen war allgegenwärtig und – davon bin ich fest überzeugt – er wirkt bis heute nach. Wenn wir in den letzten Monaten viel Schlimmes und Unverzeihliches aus Schulen, Heimen und Internaten, vor allem aus kirchlichen Einrichtungen, gehört haben, dann sollten wir das Weiterwirken des menschenverachtenden, beinharten, würdelosen Umgangs der NS-Pädagogik mit Kindern auch Jahrzehnte nach dem Dritten Reich nicht unbeachtet lassen. Ich habe selbst neun Jahre im katholischen Internatsschulen verbracht und als vor einigen Jahren der Film „Napola“ den Alltag in Nazi-Eliteschulen dokumentierte, konnte ich mir diesen Film nur in kleinen Tranchen von zehn Minuten ansehen, weil er mich zu sehr aufwühlte und mich oft bis ins Detail an eigene Erfahrungen erinnerte. Keine Sorge, ich vergleiche nicht Unvergleichbares! Und doch will ich auf die vergleichbaren Muster und Haltungen hinweisen. Denn der gegenseitige Einfluss von christlicher und nationalsozialistischer Pädagogik ist bei genauer Betrachtung unübersehbar.

Die Nationalsozialisten wollten ihre Kinder zur Kaltherzigkeit erziehen, das hat Sigrid Chamberlain mit ihrer Arbeit über „Adolf Hitler und die deutsche Mutter“ klar nachgewiesen. Körperliche Ertüchtigung, Abhärtung und Härte, militärische Strenge, vor allem ja kein Mitgefühl – waren die Werte, die blindem Gehorsam in den Armeen und Lagerleitungen zu Grunde lagen. In den Erziehungsratgebern von damals, der bekannteste war übrigens bis in die 1980er-Jahre millionenfach verbreitet, wurde davor gewarnt, schreiende Kinder zu trösten, weil sie dadurch verwöhnt würden. So ziehe man sich „Haustyrannen“ heran. Ich kann mir die Nebenbemerkung nicht verkneifen, dass sich aktuelle Bestseller der pädagogischen Fachliteratur wieder des Begriffs „kindlicher Tyrannen“ bedienen. Es ist zu hoffen, dass alle, die in der Pädagogik vermehrt nach Grenzen und klaren Vorgaben rufen, wissen, wie schnell man sich in die Nähe von Entrechtung, Missachtung und Entwürdigung begibt.

 

Erinnerung und Versöhnung

Abschließend heute abend noch einmal die Frage: Wie können wir mit dem damals Geschehenen weiterleben? Was haben wir heute aus dem Gestern für das Morgen zu lernen?

Lange Zeit dominierte ja in unserem Land jene Haltung, die die oberösterreichische Kinderbuchautorin Käthe Recheis als Titel für ein Buch über KZ-Ereignisse ihrer eigenen Jugend gewählt hatte: „Geh heim und vergiss alles.“ Die sich aber „des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben“, sagte Santayana. Deshalb ist die Erinnerung nicht nur Akt der Solidarität mit den Opfern und Auftrag, es nie wieder soweit zu lassen, dass Kinder systematisch zur Härte erzogen oder wegen ihrer Herkunft ausgegrenzt und unmenschlich behandelt werden. Erinnerung ist auch der Beginn von Heilung und Versöhnung.

Lassen Sie mich schließen mit dem Appell der in Rumänien geborene Jüdin Eva Mozes Kor, die gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Miriam an der Rampe von Auschwitz vom KZ-Arzt Josef Mengele für medizinische Experimente aussortiert wurde und den Überlebendenverband C.A.N.D.L.E.S. („Children of Auschwitz-Nazi's Deadly Lab Experiments Survivors“) gegründet hat:

„Viel Schmerz tragen wir alle mit uns herum. Es hilft niemandem, die Bürde der Vergangenheit zu tragen. Wir müssen lernen, uns von den Tragödien des Holocaust zu heilen. Sorgen wir dafür, dass es nie wieder Krieg gibt, nie wieder Bomben, nie wieder unfreiwillige Experimente, nie wieder Hass, nie wieder Gaskammern, nie wieder so etwas wie Auschwitz.“

Und ich füge hinzu: Nie wieder so etwas wie Mauthausen, Steyr, Spital am Pyhrn oder Etzelsdorf.

Nie wieder!


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