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Die Geschichte der Juden in Steyr

Seit dem 14. Jahrhundert lässt sich die Ansiedlung von Juden in Steyr nachweisen. Schon 1371 untersagte Herzog Albrecht III. den in Steyr wohnenden Juden den Handel mit Wein und Getreide. 1420 brach die Katastrophe über die Juden in den herzoglichen Ortschaften und Städten Österreichs ob und unter der Enns herein: In Enns und Garsten der „Hostienschändung“ beschuldigt, wurden sie verhaftet, in Wien gefangen genommen und wenn sie sich nicht taufen ließen, verbrannt, die übrigen ausgewiesen. Die Ursache für diese Judenverfolgung lag vor allem in der ständig wachsenden Geldnot Herzog Albrecht V.

Unter Joseph II erhielten die Juden 1782 durch das Toleranzpatent eine rechtliche Besserstellung, um die Juden in die bürgerliche Gesellschaft zu integrieren und für den Staat nützlich zu machen.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts zogen Juden aus dem südböhmischen Raum nach Steyr, sie waren hauptsächlich Handel- und Gewerbetreibende.

1870 wurde der israelitische Kultusverein gegründet und nach langwierigen Auseinandersetzungen mit der Linzer Kultusgemeinde 1892 in eine eigene Kultusgemeinde umgewandelt. Seit 1873/74 besteht ein jüdischer Friedhof und es gab eine „Chewra Kadischa“, einen Krankenpflege- und Beerdigungsverein. 1894 wurde in der Bahnhofstraße 5 eine Synagoge eingerichtet. Heinrich Schön war dreißig Jahre lang Rabbiner in Steyr.

Um die Jahrhundertwende zählte man in Steyr an die 200 Juden. Schon 1882 erschien die antisemitische Zeitung „Die Judenfrage“, eine extrem antisemitische Zeitung.

Im Allgemeinen waren die Juden in der Zeit der Monarchie, wie auch in der Zwischenkriegszeit in Steyr gut integriert, sie waren in der Mehrheit Kaufleute, aber auch Handwerker und Intellektuelle.

In die Staats-Oberrealschule, die auch Hitler im Schuljahr 1904/05 besuchte, gingen immer einige jüdische Schüler. Ein jüdischer Mitschüler Hitlers war Josef Sommer, dessen Eltern in Reichraming eine Messerfabrik besaßen. Er wurde 1942 nach Polen (Izbica) deportiert und ermordet. Auch der Deutschlehrer Hitlers Dr. Nagel war Jude, konvertierte später aber zum katholischen Glauben.

Jüdische Bürger nahmen als Soldaten am 1. Weltkrieg teil und wurden auch ausgezeichnet. Während des Krieges wurden jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa im Bezirk Steyr-Land untergebracht. In Thanstetten bei Schiedlberg gab es eine eigene Schule für die Flüchtlingskinder.

Die 1. Republik war in Österreich von einem immer gewalttätigeren und aggressiveren Antisemitismus gekennzeichnet. 1922 führte der Steyrer Alpenverein den Arierparagraphen ein. In Steyr herrschte in den dreißiger Jahren eine schlimme Notzeit. Ende 1936 waren von 22.000 Einwohnern 5.439 arbeitslos. Zeitzeugen berichten, dass vor allem jüdische Geschäftsleute wie Nathan Pollak den Menschen Kredit gewährten und sie anschreiben ließen. Dennoch kamen schon vereinzelt antisemitische Anfeindungen vor.

Nach dem „Anschluss“ im März 1938 gab es auch in Steyr Aufmärsche von Polizei, SA, SS und Paraden deutscher Truppen. Innerhalb weniger Wochen veränderte sich das Leben der Steyrer Juden schlagartig. Antisemitische Propaganda hetzte die Menschen gegen die Juden auf. Personen- und Vermögenslisten wurden wenige Wochen nach dem „Anschluss“ angelegt. Im Juli 1938 wurden die ersten Steyrer Juden verhaftet, darunter auch der Steyrer Rabbiner Chaim Nürnberger. Die „Steyrer Volksstimme“ schrieb unter dem Titel „Der Auszug Israels aus der alten Eisenstadt“ am 2.9.1938: „Es dürfte der Tag nicht mehr allzu ferne sein, an welchem alle Söhne Israels, einerlei ob getauft oder ungetauft, restlos aus unserer Stadt verschwunden sein werden…“

Am 1. Oktober 1938 löste die Gestapo die Israelitische Kultusgemeinde Steyr auf. Am 8. November 1938 wurden weitere Steyrer Juden verhaftet, Wohnungen geplündert und verwüstet. Die Synagoge blieb verschont, da sie bereits vorher arisiert worden war. Schrittweise wurden Juden durch Gesetze, Erlässe und Verordnungen zu Bürgern zweiter Klasse degradiert. Sie wurden penibel registriert, Berufsverbote und Arisierungen entzogen ihnen die Lebensgrundlage. Dabei kam es nicht selten zu antisemitischen Äußerungen, wie der Brief eines kommissarischen Verwalters des Geschäftshauses der Familie Ornstein beweist: „Ich muss mir also von diesem Judenschwein als kommissarischer Verwalter allerhand Frechheiten und Schimpf gefallen lassen.“

Schließlich konnten sich die Juden nur durch Emigration vor der Deportation retten. Einer ganzen Reihe von Steyrer Juden gelang dies nicht und sie wurden von den Nazis in Konzentrationslagern ermordet.

Margarethe Uprimny lebte damals mit ihren zwei kleinen Kindern in Wien, ihr Mann Eduard war schon vorher deportiert worden. Von dort schrieb sie befreundeten Frauen über ihr Schicksal. In ihrem letzten Brief, bevor sie mit ihren Kindern deportiert und ermordet wurde, gestand sie: „Was mit uns wird, weiß nur der liebe Gott.“ Auch andere letzte Briefe, wie von Martha Ceh, der Tochter der ehemaligen Messingfabrikbesitzer Ludwig und Jenny Sommer aus Reichraming, blieben erhalten.

In Steyr Münichholz bestand seit 1942 ein Außenlager des KZ Mauthausen, dessen Häftlinge vor allem für die Kriegsindustrie der Steyr-Daimler-Puch AG. eingesetzt wurden. Die Lebensbedingungen unterschieden sich in ihrer Unmenschlichkeit und Grausamkeit nicht von anderen Konzentrationslagern. Auch jüdische Häftlinge befanden sich darunter. Harry Freundlich, ein Jude aus Polen, der überlebte, beschrieb das tägliche Leben in diesem KZ: „Die Umstände nötigten uns, wie Tiere zu leben, aber wir versuchten unsere Würde zu bewahren. Wir wollten leben, aber wir beteten zu Gott, dass er uns von hier weghole.“ Am 5. Mai 1945 wurde dieses Lager von amerikanischen Truppen befreit.

Jüdische Zwangsarbeiter waren auch in einem Tochterbetrieb der Steyr-Werke, in Radom in Polen eingesetzt, und brutalen und grausamen Bewachern unterworfen.

Augenzeugen, Gemeinde- und Pfarrchroniken berichten vom Todesmarsch der ungarischen Juden im April 1945 durch das Enns- und Steyrtal, ein besonders tragisches Kapitel der jüngeren Geschichte, wobei die Brutalität und Menschenverachtung der „bewaffneten Zivilisten“, Gendarmen und Volkssturmmänner nicht zu überbieten waren.

(siehe Link: Der Todesmarsch der ungarischen Juden)

Ungefähr 2000 jüdische Flüchtlinge wurden nach Kriegsende vor allem im DP-Lager 231 untergebracht. Es gab ein eigenes Lager-Krankenhaus, eine Lager-Schule mit einem Lehrer, eine Lagerpolizei, Schneider- und Chauffeurkurse, und auch einen Rabbiner. Die Flüchtlinge gründeten wieder eine Israelitische Kultusgemeinde, die 1949 der Linzer Kultusgemeine einverleibt wurde. Die Einstellung der Bevölkerung zu den jüdischen „displaced persons“ war reserviert bis ablehnend, und von offizieller Stelle wurde die Befürchtung geäußert, dass die Bevölkerung zu bedauerlichen Selbstschutzmaßnahmen schreite.

Lebensschicksale einiger ehemaliger jüdischer Bewohner von Steyr und Umgebung zeigen das ganze Leid auf, das diesen Menschen unter Hitler zugefügt wurde, aber auch, wie wenig Unterstützung sie nach dem Krieg erfahren haben. Heinrich Skalla formuliert in einem Brief seine persönliche Not: „Ich war in Steyr viele Jahre Vorstand der Chewra-Kadischa, ich bitte Sie so sehr, helfen Sie mir, denn ich bin verzweifelt. Meine verheiratete Tochter haben mir die Nazis ermordet und alles geraubt. Bitte helfen Sie uns unglücklichen, verzweifelten Menschen.“

Anlässlich der Präsentation der 1. Auflage des Buches „Vergessene Spuren. Die Geschichte der Juden in Steyr“ von Waltraud Neuhauser-Pfeiffer und Karl Ramsmaier lud das „Komitee Mauthausen Aktiv Steyr“ ehemalige Steyrer Juden und Jüdinnen nach Steyr ein. Die Stadt Steyr wollte sich einer offiziellen Einladung ihrer ehemaligen Bürger nicht anschließen, trotzdem kam diese Einladung durch zahlreiche Spenden privater Personen und öffentliche Gelder zustande.

Quelle:

Waltraud Neuhauser-Pfeiffer, Karl Ramsmaier: Vergessene Spuren. Die Geschichte der Juden in Steyr (Edition Geschichte der Heimat, 2. Auflage, Grünbach 1998)“