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Jüdische Gedenkstätten in Steyr

Die jüdische Bevölkerung in der Eisenstadt Steyr war immer klein. In den Steyrer Ratsprotokollen wurden einzelne Juden Mitte des 18. Jahrhunderts erwähnt.[1] Im 19. Jahrhundert zogen vor allem Juden aus Böhmen und Mähren nach Steyr. 1855 gab es sieben Familien, 1857 lebten laut Volkszählung 50 Personen in 16 Familien in Steyr. 1890 betrug ihre Gesamtzahl 174 in 40 Familien. Um 1900 war mit 200 ihre höchste Zahl erreicht. Im 20. Jahrhundert dürften ihre Zahl zwischen 70 und  100 betragen haben bis sie von den Nationalsozialisten vertrieben und ermordet wurden.

1870 wurde ein israelitischer Kultusverein gegründet, 1873 der jüdische Friedhof angelegt. 1892 konstituierte sich die Israelitische Kultusgemeinde Steyr und baute 1894 ein Restaurant in der Bahnhofstraße in eine Synagoge um. Heinrich Schön war von 1896 bis 1926 Rabbiner in Steyr. Sein Nachfolger bis 1938 war Chaim Nürnberger. Die Synagoge wurde 1938 wie viele Geschäfte und Häuser arisiert. Schon im Juli 1938 wurden Steyrer Juden verhaftet, aber auch um den 9. November 1938. Im KZ Steyr-Münichholz gab es Juden und auch im Steyrer Krematorium wurden Juden verbrannt. Im April 1945 führte der Todesmarsch der ungarischen Juden auch durch Steyr.[2] Nach dem Krieg wurde die Israelitische Kultusgemeinde von Flüchtlingen wieder gegründet, existierte aber nur mehr wenige Jahre. Von den Steyrer Juden kehrten nur einzelne wie Friedrich Uprimny zurück, viele von ihnen wurden in Konzentrationslagern ermordet. 1993 lud das 1988 gegründete Mauthausen Komitee Steyr ehemalige Steyrer Juden ein, ihre Heimatstadt zu besuchen. Anlass war die Präsentation des Buches „Vergessene Spuren. Die Geschichte der Juden in Steyr.“ Seither kommt es immer wieder zu Besuchen jüdischer Familien in Steyr. Um das Schicksal der Steyrer Juden nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wurde nicht nur das Buch „Vergessene Spuren“ 1998 neu herausgebracht, sondern auch eine Reihe von Gedenkstätten errichtet.

Gedenktafel an der Außenmauer des Jüdischen Friedhofes

Am 9. November 1989 enthüllte der Steyrer Bürgermeister Heinrich Schwarz eine Gedenktafel an der Außenmauer des Jüdischen Friedhofes in Steyr. Es handelte sich um das erste öffentliche Erinnerungszeichen an die jüdische Bevölkerung von Steyr. Darauf ist zu lesen:

„Hier befindet sich der Friedhof unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Er erinnert an ihre jahrhundertelange Ansiedlung in Steyr bis zur Vertreibung und Ermordung in Konzentrationslagern durch das menschenverachtende NS-Regime. Ein Massengrab von ungarischen Juden, die auf dem Weg nach Mauthausen 1945 ermordet wurden, mahnt uns, die unsagbare Leidensgeschichte der jüdischen Bevölkerung nie zu vergessen.“

 

In der Grußbotschaft des Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Linz DI George Wozasek hieß es:

„Diese Gedenktafel ist aus zwei wesentlichen Gesichtspunkten wichtig. Einmal sollen die ungeheuerlichen Gräueltaten der nationalsozialistischen Diktatur nicht in Vergessenheit geraten. […] Die Tafel soll als Mahnmal für die kommende Generation dienen. […] Vielleicht unmittelbar noch wichtiger ist die Tatsache, dass diese Aktion von nichtjüdischen jungen Mitbürgern durchgeführt wurde, die viel Idealismus zeigten und ihre Freizeit opferten, um die vorerwähnten Ziele umzusetzen.“[3]

Der Text wurde vom Mauthausen Komitee Steyr in Absprache mit der Israelitischen Kultusgemeinde Linz erstellt. Finanziert wurde die Gedenktafel von der Stadt Steyr obwohl sich das offizielle Steyr damit zunächst sehr schwer tat und der ganzen Sache eher reserviert bis ablehnend gegenüberstand. Wenige Tage nach der Enthüllung wurde die Tafel von jungen Neonazis mit einem Hakenkreuz beschmiert und die Friedhofsmauer mit „Heil Hitler“ beschrieben. In den Lokalzeitungen gab es viele Stellungnahmen dazu.

 

Erneuerung des Gedenksteines beim Massengrab – Jüdischer Friedhof

Im Zuge der Renovierungsarbeiten am Jüdischen Friedhof im Sommer 1991 wurde der Text des Gedenksteines beim Massengrab, das an den Todesmarsch der ungarischen Juden im April 1945 erinnert, auf neue Granitplatten graviert. Damit konnte die Lesbarkeit  des Textes erhalten werden. Die Kosten in der Höhe von  ÖS 26.000 wurden von der Israelitischen Kultusgemeinde Linz getragen. Die organisatorische Durchführung übernahm das Mauthausen Komitee Steyr. Enthüllt wurde der neue Gedenkstein bei der Gedenkfeier am 8. November 1991.

Gedenkstele vor der ehemaligen Synagoge in der Pachergasse

DI George Wozasek, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Linz, und Landtagsabgeordnete Gertrude Schreiberhuber enthüllten am 8. November 1992 die Gedenkstele vor der ehemaligen Synagoge in der Pachergasse. Zu lesen ist darauf:

„In diesem Haus befand sich von 1894 bis 1938 die Synagoge unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Sie wurden von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedemütigt und aus ihrer Heimat vertrieben, viele von ihnen in Konzentrationslagern ermordet.“

Am 9. Februar 1989 wurde erstmals die Forderung nach einer Gedenktafel vor der Hauptfassade der ehemaligen Synagoge in der Bahnhofstraße in Steyr an Vizebürgermeister Wippersberger herangetragen. Ein weiteres Gespräch mit ihm fand am 31. August 1989 statt. Es wurde das Ziel verfolgt, die Gedenktafel an der Außenmauer des Jüdischen Friedhofes und die Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge am 9. November 1989 zu enthüllen. Dem Komitee wurden beide Gedenktafeln zugesagt. Der Besitzer der ehemaligen Synagoge, ein Ansfeldener Apotheker, lehnte den Text des Komitees als zu politisch ab. Er konnte sich nur folgende Aufschrift vorstellen: „In diesem Haus befand sich von 1894 bis 1938 die Synagoge unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.“ Für das Komitee stellte dies jedoch eine Verschleierung von historischen Tatsachen dar. „Würden wir auf den zweiten Teil verzichten, so würde es sich nicht mehr um eine Gedenktafel handeln und wir würden dazu beitragen, dass dieses für unsere jüdischen Mitbürger so tragische Schicksal erneut verschleiert und verschwiegen wird“[4], hieß es in dem Brief an Vizebürgermeister Wippersberger vom Jänner 1990. Nachdem der Besitzer die Anbringung der Tafel ablehnte, gab es nur mehr die Möglichkeit, eine eigene Gedenkstele auf öffentlichem Grund direkt vor dem Gebäude aufzustellen. Mitte April 1990 wurde erneut ein Brief an Vizebürgermeister Hermann Leithenmayr gerichtet[5] und am 31. Mai 1990 ein Gespräch mit ihm geführt. Da es sich beim Platz vor der Hauptfassade der Synagoge in der Bahnhofstraße um Privatbesitz handelt, war dort eine Aufstellung nicht möglich. Das Komitee lieferte einen neuen Vorschlag: Die fertige Gedenktafel sollte auf einer Gedenkstele in der Pachergasse angebracht werden. Im Frühjahr 1991 kam es wieder zu einem Gespräch mit Vizebürgermeister Leithenmayr. Er gab erneut Architekt Scheuer, der auch für den Denkmalschutz in der Stadt Steyr zuständig war, den Auftrag die Gedenkstele bei der Synagoge ehestens zu realisieren. Ein Jahr verging und es wurde uns klar, dass Architekt Scheuer die Sache verzögern wollte. Im November 1991 forderte die grüne Gemeinderätin Eva Scheucher die unverzügliche Errichtung der Stele. Am 14. April 1992 fand ein weiteres Gespräch mit Vizebürgermeister Leithenmayr statt, bei dem als Termin für die Enthüllung der Gedenkstele der 8. November 1992 vereinbart wurde. Die Stadt Steyr finanzierte die Stele. Damit konnte ein dreijähriger Kampf um diese Gedenkstele erfolgreich abgeschlossen werden. Wieder einmal hatte sich gezeigt, dass Hartnäckigkeit für die Arbeit der Erinnerung unerlässlich ist.

Straßenbenennung nach dem letzten Steyrer Juden Friedrich Uprimny

Im November 1992 ersuchte das Mauthausen Komitee Steyr den Steyrer Bürgermeister Hermann Leithenmayr, eine Straße nach dem letzten Steyrer Juden Friedrich Uprimny zu benennen. Im Februar 1996 brachte das Komitee diesen Vorschlag beim Kulturamt der Stadt Steyr ein. Weitere zwei Jahre geschah nichts. Bei der Gemeinderatssitzung am 10. Dezember 1998 wurde dieses Anliegen dann in Form einer „Erinnerung“ erneut vorgebracht. Darin hieß es: „Der Gemeinderat der Stadt Steyr möge beschließen: Eine Straße bzw. den Platz vor dem Museum Industrielle Arbeitswelt nach Friedrich Uprimny zu benennen. … Friedrich Uprimny, geb. am 11. März 1921 in Steyr, gest. am 21. März 1992, symbolisiert als letzter Vertreter der jüdischen Bevölkerung die leidvolle Geschichte der Jüdinnen und Juden, die 1938 aus Steyr emigrieren mussten. Viele wurden grausam durch das NS-Regime ermordet. […] Er erzählte jungen Menschen von der Verfolgung der Juden aus seinem Leben und führte Schulklassen auf den jüdischen Friedhof. Friedrich Uprimny war bis zu seinem Tod bestrebt, Österreich, vor allem die Jugend, vor dem Wiedererstehen des Rassenwahns und des Faschismus zu warnen und mit all seinen Kräften zu schützen.“[6]

Gemeindrat Gerhard Klausberger berichtete dann im Gemeinderat über die Aktivitäten des Komitees als „sehr wichtigen Beitrag für die aufrechte Bewältigung der Fragen der Zeitgeschichte“[7] und ersuchte um würdevolle Behandlung und größtmögliche Einhelligkeit bei diesem Thema.

Die Grünen befürworteten ebenso wie das Komitee den Platz vor dem Museum Arbeitswelt. Inzwischen brachte die FPÖ den Vorschlag ein, die Verbindungsstraße Schuhmannstraße–Haagerstraße in Münichholz nach Friedrich Uprimny zu benennen. In der Nähe sei auch das KZ-Denkmal und daher sei dies der passende Ort. Die Fraktionsobmänner außer den Grünen einigten sich auf diesen Vorschlag. Das Komitee beharrte zunächst auf den Platz vor dem Museum Arbeitswelt, weil von hier aus viele Führungen auf den Jüdischen Friedhof ausgingen und weil der Platz im Stadtzentrum und nicht am Stadtrand liegt. Bürgermeister Hermann Leithenmayr lehnte dies aber ab und legte seine Position dar: Wenn der Vorschlag in Münichholz nicht akzeptiert würde, gäbe es eben keine Straßenbenennung nach Uprimny.[8]

Im Juni 1999 fasste das Komitee in einem Brief an alle Stadt- und Gemeinderäte der Stadt Steyr nochmals die Argumente gegen die Straßenbenennung in Münichholz zusammen. Darin wird angeführt, dass Friedrich Uprimny weder im KZ Steyr-Münichholz noch in einem anderen KZ war und dass ihm ein würdiger Platz im Stadtzentrum gebühre. Es wurde auch eine Unterschriften-Aktion für einen ‚Uprimnyplatz’ gestartet.[9] Im Juli 1999 brachten die Grünen das Thema nochmals in den Gemeinderat. Der Gemeinderat der Grünen, Kurt Apfelthaler, bezeichnete den Standort Museum Arbeitswelt als „ideal“ und begründete diese Entscheidung:

„Das Museum engagiert sich seit seiner Gründung für die Sichtbarmachung der jüdischen Geschichte Steyrs und bietet neben der aktuellen Anne-Frank-Ausstellung in der Zeitwerkstatt auch pädagogische Workshops zu Uprimny und der Geschichte des Judentums in Steyr an. Außerdem setzt das Museum durch Veranstaltungen ständig Zeichen gegen den aufkommenden Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit. Der Museumsvorplatz als topographischer Nabel des neuen, jungen, engagierten Steyr ist prädestiniert für eine symbolische Platzbenennung. Der Museumsvorplatz zwischen der Altstadt, Wehrgraben und Steyrdorf – der vergangenen Heimat der Steyrer Juden – ist der ideale Platz für eine Benennung nach Friedrich Uprimny.“[10] Eine Entscheidung wurde bei der Sitzung aber nicht getroffen.

Nun brachte das Komitee als neuen Vorschlag die Umbenennung „Friedhofsstiege“ – (die Verbindung vom Wieserfeldplatz zum Taborweg) in „Friedrich Uprimny-Stiege“ ins Gespräch, was deshalb geeignet erschien, weil Friedrich Uprimny am Wieserfeldplatz wohnte und sich am Taborweg der Jüdische Friedhof befindet. Anfang des Jahres 2000 fand dieser Vorschlag die Zustimmung der Fraktionsobmänner der Parteien. Ein achtjähriges Bemühen des Komitees war endlich von Erfolg gekrönt.

Gedenkstele „Uprimny-Stiege“

Im November 2001 wurde das Konzept eines Themenweges auf der Uprimnystiege erstellt und im Dezember 2001 dem Magistrat übermittelt. An den Kehren der Stiege waren vier Stelen vorgesehen, um den Spaziergängern genauere Informationen über Friedrich Uprimny und die jüdische Geschichte von Steyr zu geben. Die Themen waren: Friedrich Uprimny – Die Juden in Steyr – Die Juden in Steyr in der NS-Zeit – Der Jüdische Friedhof in Steyr. Es stellte sich bald heraus, dass mit den zur Verfügung stehenden Geldmitteln vier Stelen nicht möglich waren. Die Sache schien sich nun wieder in die Länge zu ziehen. Man einigte sich schließlich auf eine Stele mit den ersten drei Themen. DI Hans Jörg Kaiser erstellte den Entwurf der Gedenkstele, Gemeindrat Kurt Apfelthaler organisierte die Umsetzung durch die Werkstätte der HTL Steyr/Abteilung Metalldesign unter Anleitung von FOL Ludwig Reisinger und Karl Ramsmaier verfasste den Text.

Am 7. November 2002 konnte die Gedenkstele im Anschluss an die Gedenkfeier auf dem Jüdischen Friedhof enthüllt werden.

Gedenktafel an der Außenmauer des BRG Steyr

Im September 2005 wurde dem Direktor des BRG Steyr, Mag. Harald Gebeshuber, vorgeschlagen, für die neun jüdischen Schüler, die Opfer des Holocaust wurden, eine Gedenktafel zu errichten. Mag. Angela Stockhammer übernahm das Projekt mit neun Schülern im Wahlpflichtfach ‚Geschichte’. Jeder Schüler, jede Schülerin recherchierte die Lebensgeschichte eines jüdischen Schülers oder einer jüdischen Schülerin. Die Ergebnisse wurden in einer Broschüre zusammengefasst. Josef Sommer, einer der jüdischen Schüler, besuchte 1904/05 in der damaligen Staats-Oberrealschule dieselbe Klasse wie Adolf Hitler. 1942 wurde er deportiert und ermordet. Am 8. November 2006 wurde in der Schule eine Gedenkveranstaltung organisiert. Direktor Mag. Harald Gebeshuber begrüßte neben Bürgermeister Ing. David Forstenlechner auch den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Linz. Die Gedenkrede hielt die Linzer Schriftstellerin Anna Mitgutsch. Die Schüler stellten die biografischen Daten der Opfer vor. Vor der Enthüllung der Gedenktafel an der Außenmauer des BRG Steyr durch Bürgermeister Forstenlechner sprach Präsident Wozasek das jüdische Totengebet ‚Kaddisch’.

Dass gerade an der Außenmauer dieser Schule für die neun jüdischen Schüler eine Gedenktafel angebracht wurde, hat eine große symbolische Bedeutung. Bisher gab es nur Gedenktafeln für die Soldaten im Eingangsbereich der Schule und für den Heimatdichter und Lehrer Gregor Goldbacher, der die Schule nach dem ‚Anschluss’ 1938 in ‚Adolf Hitler Schule’ umbenennen wollte und ein glühender Hitlerverehrer war. Hier war ein Zeichen für die Holocaust-Opfer höchst an der Zeit.

Neue Gedenkstele vor der ehemaligen Synagoge in der Pachergasse

Von 1894 bis 1938 und wenige Jahre nach 1945 diente das Gebäude in der Bahnhofstraße 5, Ecke Pachergasse, als Synagoge. Als einzige in Oberösterreich hat sie die NS-Zeit überstanden, auch wenn sie nicht mehr als Synagoge Verwendung fand. 1992 wurde eine erste Gedenkstele errichtet, weil sich der Besitzer weigerte, eine Gedenktafel auf der Mauer des Hauses errichten zu lassen. Im Herbst 2005 kaufte die Raffeisenbank Region Steyr das Gebäude und begann im Frühjahr 2006 mit den Umbauarbeiten. Im Mai 2006 protestierte das Komitee gegen die Entfernung der Gedenkstele vor der ehemaligen Synagoge in der Pachergasse. Daraufhin wurde bei einem Lokalaugeschein mit der Bank mündlich vereinbart, die Gedenkstele in der Bahnhofstraße, beim Haupteingang des Gebäudes, neu aufzustellen. Nach einem kritischen Zeitungsartikel in den Oberösterreichischen Nachrichten im Juli 2006 sah sich die Bank nicht mehr an die Vereinbarung gebunden. Die Gedenkstele wurde erneut in der Pachergasse aufgestellt, dabei verschmutzt und beschädigt, sodass sie nicht mehr zu reparieren war. Nach einem langen Hin und Her wurde schließlich die neue Gedenkstele aus rostigem Stahl und Glas am 11. September 2007 von DI George Wozasek, dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Linz, Bürgermeister Ing. David Forstenlechner und Mag. Karl Ramsmaier, Vorsitzender des Mauthausen Komitees Steyr, enthüllt.

„Für das Mauthausen Komitee Steyr geht es hier nicht um eine Informationstafel, die über eine Sehenswürdigkeit informiert, sondern um eine Gedenkstele, die die Opfer der Shoah würdigt […] Dieses Gebäude, vor dem wir hier stehen, war ihr Gotteshaus und auch das Zentrum ihrer Identität als Minderheit in dieser Stadt. Hier wohnte auch ihr Rabbiner mit seiner Familie. Dreißig Jahre hindurch war das Heinrich Schön, dessen Enkelin heute achtzigjährig in Australien lebt […] Für das Mauthausen Komitee […] bleibt es weiterhin ein Traum, dass dieses Gebäude irgendwann einmal zu einem Kulturhaus mit einer Dauerausstellung über jüdisches Leben in Steyr wird. Diese Chance, eine solche Ausstellung in einem so symbolträchtigen Gebäude zu zeigen, hat keine andere Stadt in Oberösterreich“, meinte  Karl Ramsmaier bei der Enthüllung. [11]

Denkmalschutz für die ehemalige Synagoge

Im August 2006 brachte das Mauthausen Komitee Steyr beim Bundesdenkmalamt den Antrag ein, die ehemalige Synagoge in Steyr unter Denkmalschutz zu stellen. Das Komitee übergab dem Bundesdenkmalamt auch alle nötigen historischen Hintergrundinformationen. Unterstützt wurde das Anliegen von vielen Organisationen und Privatpersonen, u.a. von der Israelitischen Kultusgemeinde Linz und Wien, dem Mauthausen Komitee Österreich, dem OÖ. Netzwerk gegen Rassismus und Rechtsextremismus und dem Dekanat Steyr.

Die Steyrer Synagoge ist die einzige erhaltene Synagoge in Oberösterreich. Sie hat als Gebäude die NS-Herrschaft überdauert, da sie schon im September 1938 arisiert wurde. „Auch wenn der Bau nicht als Synagoge errichtet wurde, kommt ihm mit dieser Nutzung hoher Seltenheitswert und entsprechende geschichtliche und kulturelle Bedeutung zu. Konservierte Oberflächenbefunde im Inneren legen die Vermutung nahe, dass noch weitere  Aufschlüsse über die Gestaltung eines jüdischen Betraums in der Zeit zwischen 1894 und 1938 möglich sind“, heißt es in der Stellungnahme des Bundesdenkmalamtes.[12] Mit Bescheid des Bundesdenkmalamtes von 7. Mai 2008 wurde die Steyrer Synagoge nun offiziell unter Denkmalschutz gestellt.

Am 1. Oktober 1938 wurde die Israelitischen Kultusgemeinde Steyr von den Nationalsozialisten aufgelöst. Am 70. Jahrestag der Zerstörung der Jüdischen Gemeinde von Steyr wurde mit der Unterschutzstellung der Synagoge ein wichtiges symbolisches Zeichen des Nichtvergessens gesetzt.

Holocaust-Denkmal mit den Namen der Steyrer Opfer

Schon 1998 wurde bei der 10-Jahresfeier des Komitees die Errichtung einer Gedenktafel mit den Namen aller Steyrer Shoah-Opfer als Ziel genannt. Auch der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Linz DI George Wozasek befürwortete immer wieder diesen Plan. Im Mai 2006 wurde diese Idee erneut aufgegriffen und 2007 von Erich Aufreiter ein erster Entwurf und ein Kostenvoranschlag erarbeitet. Gleichzeitig wurden die Namen der Opfer recherchiert, die im Gebiet der ehemaligen Israelitischen Kultusgemeinde Steyr geboren wurden oder dort gewohnt haben. Dazu zählen die Stadt Steyr, der Bezirk Steyr-Land und der Bezirk Kirchdorf.

Auf einer Gedenktafel aus Glas wurden die Namen mit Geburtsjahr, Deportationsjahr bzw. Todesjahr und der Deportationsort bzw. Todesort vermerkt. 86 Namen sind hier zu finden.

Direkt vor der Glasplatte ermöglicht ein ‚Steintisch’ den Teilnehmern der jährlichen Gedenkfeier, Steine des Gedenkens und der Erinnerung niederzulegen. Dazu ist der ‚Steintisch’ selbst ein immerwährender ‚Stein des Erinnerns’. Der Stein aus Granit stammt aus einem Steinbruch in Gusen. Beim Transport brach der obere Teil des Steines ab. Das soll symbolisch zeigen, dass mit der Ermordung der Steyrer Juden ein wichtiger Teil dieser Stadt fehlt. Finanziert wurde die Gedenktafel vom Nationalfonds der Republik Österreich und der Stadt Steyr, die Projektorganisation lag beim Mauthausen Komitee Steyr. An der Enthüllung  im Rahmen der Gedenkfeier am 6. November 2008 nahm auch eine Schülergruppe der MakifChet High School aus Rishon le Zion in Israel teil. Die Enthüllung nahmen Bürgermeister Ing. David Forstenlechner und Präsident DI George Wozasek vor.

Im Jahr 2008 wurde erstmals an der Kinder-Universität Steyr eine Exkursion „Die Juden in Steyr“ angeboten. Auch 2009 ist sie wieder im Programm der Kinder-Universität Steyr. Wie im Vorjahr wird auch 2009 am Tag des offenen Denkmals der Jüdischen Friedhof in Steyr und dabei auch das neue Holocaust-Denkmal zu besichtigen sein. Konzipiert wurde auch ein eigener Stadtrundgang „Auf den Spuren der Steyrer Juden“, bei dem auch alle Gedenkstätten besucht werden. Auch viele Schulkassen besuchen im Rahmen von Lehrausgängen die Gedenkstätten. Überhaupt ist in den letzten Jahren aufgrund der 20-jährigen Arbeit des Mauthausen Komitees Steyr ein vermehrtes Interesse an der jüdischen Geschichte von Steyr festzustellen. So sind die Gedenkstätten Orte der Bewusstseinsbildung und der lebendigen Erinnerung an die jüdische Bevölkerung von Steyr geworden.

Juli 2009

Mag. Karl Ramsmaier


[1] vgl. Waltraud Neuhauser-Pfeiffer / Karl Ramsmaier, Vergessene Spuren. Die Geschichte der Juden in Steyr, Grünbach 1998, 30-31; Mit ‚Ratsprotokollen’ sind die heutigen Gemeinderatsprotokolle gemeint.

[2] ebd. 205-225

[3] Steyrer Zeitung Nr. 46, 16.11.1989

[4] Brief an Vizebürgermeister Wippersberg,, 23.01.1990, Archiv Mauthausen Komitee Steyr

[5] Brief an Vizebürgermeister Hermann Leithenmayr , 14. 04.1990, Archiv Mauthausen Komitee Steyr

[6] Gemeinderatsprotokoll, 10.12.1998

[7] Gemeinderatsprotokoll, 10.12.1998

[8] Gespräch mit Bürgermeister Hermann Leithenmayr, 19. 05.1999

[9] Oberösterreichische Nachrichten – extra, 16.06.1999

[10] Gemeinderatsprotokoll, 08.07.1999

[11] Karl Ramsmaier, Rede bei der Enthüllung der neuen Gedenkstele vor der ehemaligen Synagoge in Steyr am 11. September 2007, Archiv Mauthausen Komitee Steyr

[12] Stellungnahme des BDA, o.D. , 2008

 

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